Oper Hochmoderne Studie des Wahnsinns: „House of Usher“ in Mannheim

Von Bernd Künzig

Eine unvollendete Oper von Claude Debussy zur einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe formt Regisseurin Anna Viebrock mit „House of Usher“ am Nationaltheater Mannheim zu einer musikalisch hochmodernen Studie des Wahnsinns.

Oper Bilder zu „House of Usher“ in Mannheim

Graham  F. Valentine, Jorge Lagunes, Uwe Eikötter, Statisterie, Nationaltheater Mannheim, House of Usher, Claude Debussy, La chute de la maison Usher, Robert Orledge (Foto: Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair)
Das Haus ist das Grauen. Auf der Drehbühne des Nationaltheaters Mannheim baut die Regisseurin, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock für „House of Usher“ eine ihrer großartigen, collagierten Bühneninstallationen, teilweise aus Elementen älterer Produktionen. Die Räume sind leicht angeranzt, merkwürdig möbliert, mit seltsamen Objekten von unheimlicher Lebendigkeit ausgestattet. Alles beginnt in einem Club älterer Herren, die sich das Verhockte mit einer Gruselgeschichte auflockern wollen.Auf dem Bild: Graham F. Valentine, Jorge Lagunes und Uwe Eikötter. Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Schon die über das Bühnenportal projizierte filmische Verdoppelung der Szene sorgt mit leichter zeitlicher Verschiebung für merkwürdige Doppelgängereffekte. Als haarsträubendste Geschichte wird von den Herren Edgar Allen Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ vorgeschlagen. Der schottische Schauspieler Graham F. Valentine beginnt sie vorzutragen, und im Hintergrund stimmt der Pianist die ersten Takte an. Alles geht langsam über in den Hauptteil des Abends, Claude Debussys gleichnamiges Opernfragment. Der Debussy-Forscher Robert Orledge sorgte 2006 für die Vervollständigung und Instrumentation.Auf dem Bild: Antonis Anissegos und Estelle Kruger Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Anna Viebrocks Inszenierung dieses psychologischen Operngrusels mit all ihren unheimlich lebendig werden Gegenständen, wie dem von hinten angeleuchteten Ventilator in einer klaustrophobischen Holzkammer, um das scheinbar inzestuöse Geschwisterpaar, ihren zwiespältigen Arzt und den Freund, der zu retten versucht, geht eine geradezu gespenstische Symbiose mit Debussys mehr andeutendem als erklärendem Libretto und seiner schwebenden Klangalchemie ein. Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Lady Madeline liegt im Sterben, der Bruder Roderick (Thomas Jasetko, rechts) ist nervlich überreizt, glaubt die Mauern sprechen zu hören und verfällt immer mehr dem Wahnsinn. Die vom Freund zur Ablenkung vorgelesene Drachentöterlegende imaginiert Roderick immer mehr zu der scheinbar lebendig begrabenen Schwester, die ihrem vorzeitigen grab entsteigt und ihn heimsucht. Die Wände haben Augen in einer Videoprojektion, und das passt wunderbar zur Musik Debussys, in der das Haus stöhnt und ächzt und ein herannahender Sturm gemalt wird. Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Jesatko (rechts) singt als Roderick Usher ein stimmlich wie darstellerisch grandioses Wahnsinnsprotokoll. Eine Klimax von unheimlicher Präzision. Das wäre es eigentlich gewesen. Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Doch der Abend zieht sich mit einem Epilog hin. Neben pantomimischen Szenen über die autistische Madeline, wird ein im Foyer des Nationaltheaters gedrehter Stummfilm gezeigt, der mit Dialogen aus Elio Petris Film „Das zehnte Opfer“ untertitelt ist. Das ist weniger unheimlich, als rätselhaft. Hier wird zuviel gewollt, zuviel hineingepackt. Dazu erklingt Debussys frühe Klavierfantasie als Untermalung. Doch zu solcher Filmuntermalung eignet sich die subtile Klangsprache des Komponisten nun mal nicht. Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Am Schluss wirken auch die „Nuages“ aus den „Trois Nocturnes“ mit dem Orchester des Nationaltheaters unter Benjamin Reimers lediglich abgespielt. Davor knarzt Graham F. Valentine (rechts) den Anfang von Poes „Verräterischem Herz“ ins Telefon. Die subtile Umsetzung des Opernfragments von Debussy hätte eigentlich vollauf genügt, um die Unheimlichkeit eines Hauses als klangsinnlichen Gänsehauteffekt zu erleben. Nichtsdestotrotz: diese auch musikalisch hochmoderne Studie des Wahnsinns in der Regie von Anna Viebrock lohnt allemal den Besuch des Abends.   Nationaltheater Mannheim - Foto: Walter Mair Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„House of Usher“. Musiktheater nach Claude Debussy und E. A. Poe von Anna Viebrock am Nationaltheater Mannheim. Die nächsten Aufführungen am 17. und 20. April sowie am 16. und 31. Mai.

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