Schaukampf der Eitelkeiten Oper "Ariodante" in Stuttgart

Kulturthema am 6.3.2017 von Monika Kursawe

Am Sonntag war in der Staatsoper Stuttgart Premiere von "Ariodante". Jossi Wieler und Sergio Morabito deuten die barocke Oper als Schaukampf um die Aufmerksamkeit des Publikums um, was in einem tatsächlichen Showdown im Wrestling-Ring gipfelt. Ironisch gebrochen wird die Inszenierung durch eingeschobene Zitate Rousseaus, in denen die aufziehende Moderne und das Theaterwesen kritisiert werden. Darstellerisch und musikalisch ist Ariodante brillant umgesetzt, "es darf gelacht und durchaus auch gedacht werden, in diesem Schaukampf der Eitelkeiten", findet Monika Kursawe.

Ganz am Anfang das vermeintliche Happy End - das kann nur schief gehen. In diesem Fall ist es die Verlobungsfeier der schottischen Prinzessin Ginevra und Ariodante, einem ruhmvollen italienischen Ritter. Polinesso, ein intriganter Saboteur, schafft es mit einer subtilen Falle, alle gegeneinander auszuspielen und die alten, überkommenen Gesetze und gesellschaftlichen Strukturen gegen die Machthaber zu wenden. Ariodante stürzt sich aus Liebeskummer ins Meer, Ginevra wird von ihrem eigenen Vater zum Tode verurteilt, das Land stürzt in abgrundtiefe Verzweiflung - es ist eine Tragödie.

Spiel mit Identitäten

Wie so oft bei Wieler und Morabito entsteht die Spannung der Inszenierung jedoch nicht aus der Handlung heraus, sondern aus einer präzise geführten Personenregie. Dass es hier um Selbstinszenierung geht, um das Spiel mit Identitäten, wird schon in der Ouvertüre klar, in der die einzelnen Protagonisten im Jogginganzug und Kapuzenumhängen in eine Art Arena einlaufen und sich an der Rampe vom Publikum feiern lassen. Überhaupt ist die Oper recht sparsam, aber durchaus wirkungsvoll inszeniert: während der Show, denn nichts anderes ist Ariodante, spielen Kostüme, Perücken und Requisiten zwar eine Rolle, aber in dem Sinne, dass sie den Figuren die Möglichkeit geben alternative Facetten ihrer Persönlichkeit zu präsentieren.

Dieses Spiel mit Identitäten korrespondiert hervorragend mit der Musik und ihren Affekten, wird von ihr getragen und unterstützt. Äußerst klangschön und mitfühlend agieren hier die Musiker des Staatsorchesters im Graben und geradezu Brillantes, darstellerisch und stimmlich, leisten die Sänger auf der Bühne.

Furios-komischer Showdown

Was in Händels Musik und seinem Libretto zu Ariodante schon angelegt ist, treiben Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart noch auf die Spitze. Sieben Figuren buhlen hier permanent um Aufmerksamkeit, gleichzeitig wird um alte und neue Gesellschafts-, Geschlechter- und Theatermodelle gerungen. Das ganze gipfelt in Stuttgart schließlich in einem Boxring, der in einem furios komischen Showdown inklusive Gesichtsmasken, allerdings mehr an Wrestling als an Boxen erinnert.

Schaukampf der Eitelkeiten

Gebrochen wird diese Selbstinszenierungs-Show - und auch die Oper als solche - durch eingeschobene Zitate aus Rousseaus Brief an d’Alembert, in dem er das Theater und die heraufziehende Moderne kritisiert. Ironischer weise darf diese Polinesso zitieren, der Saboteur und Ideologe einer neuen Zeit. Feinsinniger und klüger kann man an eine barocke Oper kaum heran gehen. Und auch wenn im ersten und letzten Akt, wo szenisch wenig passiert, die Spannung gelegentlich etwas durchhängt, macht Ariodante richtig Spaß. Es darf gelacht und durchaus auch gedacht werden, in diesem Schaukampf der Eitelkeiten.

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