Theater Langeweile mit Tschechows „Onkel Wanja“ in Freiburg

Von Daniel Stender

Über Veränderungen nur zu reden, statt etwas zu verändern: Das Theater Freiburg aktualisiert „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow über die politische Stagnation in Russland. Doch die Diskussionen vor Bio-Teekisten über die Notwendigkeit, etwas zu tun, langweilen mit der Langeweile des abwartenden Personals.

Theater Bilder zu „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow in Freiburg

Onkel Wanja am Theater Freiburg (Foto: Pressestelle, Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld)
Mein Leben war falsch, was hätte alles aus mir werden können? Iwan Petrowitsch, genannt Wanja (Henry Meyer) kreist voller Selbstmitleid um die bittere Erkenntnis, dass er seine Potenziale nicht gelebt hat. Ein Schopenhauer hätte er werden können und ist doch nur er selbst geblieben. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
So ein Schicksal ist natürlich einfacher zu ertragen, wenn man eine andere Person dafür verantwortlich machen kann. Diese andere Person ist sein Schwager Alexander, der mondäne intellektuelle Professor (Harmut Stanke, 2.v.r.), für den Wanja jahrelang das Landgut verwaltet und Geld gespart hat. Dieser Professor kommt mit seiner zweiten, jungen Frau zu Besuch, Wanja und der Landarzt Michail schwanken fortan zwischen Hass auf den Schwager und Liebe zu dessen Frau.Außerdem auf dem Bild: Rosa Thormeyer als Professorentochter Sonja, Henry Meyer als Onkel Wanja und Margot Gödrös als Wanjas Mutter. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Wobei: Hass ist das falsche Wort, jammernder Neid wäre treffender. Und auch die oft beschworene Liebe zu Jelena (Marieke Kregel, links) ist mit „müder Geilheit“ wohl besser beschrieben. Tschechows Figuren handeln eben kaum, stattdessen räsonieren sie. Wanja schafft es nicht einmal, seinen Schwager zu erschießen - eine verpasste Tragödie.Außerdem auf dem Bild: Rosa Thormeyer als Sonja, Henry Meyer als Wanja. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Da liest und schreibt einer seit 30 Jahren über die neue Gesellschaft. Seit 30 Jahren käut er wieder, was andere denken, seit 30 Jahren hält er Vorträge über Dinge, die jeder, der es wissen will, sowieso längst weiß.Auf dem Bild: Henry Meyer und Martin Hohner als idealistischer Arzt Michaíl Lwówitsch Ástrow. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
BioLogo steht auf den Teekisten, die für den Bühnenboden im Theater Freiburg zusammengeschoben wurden. Einige dieser Kisten dienen den sechs Schauspielern als Stuhl, Tisch, Bett oder auch als Kühlschrank, aus dem sie sich großzügig Schnaps nachschenken.Auf dem Bild: Henry Meyer als Onkel Wanja, Martin Hohner als Arzt Ástrow und Marieke Kregel als Alexanders Frau. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Nichts an diesen Kisten erinnert an das Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts, an die Zeit, in der Anton Tschechow seinen „Onkel Wanja“ schrieb. Der Hinweis auf den biologisch angebauten Tee ist also auch ein Hinweis von Regisseur Peter Carp an die Zuschauer. Die Konflikte, die Probleme dieser Figuren sind unsere Konflikte, sind unsere Probleme.Auf dem Bild: Rosa Thormeyer als Sonja und Margot Gödrös als Wanjas Mutter. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Auch die Übersetzung Angela Schanelecs vermeidet Zeitbezüge oder explizite russische Wendungen. Geld zum Beispiel wird nicht in Rubeln oder Kopeken berechnet. Ähnlich wie in ihrer Verfilmung von Tschechows „Möwe“ hat Schanelec den russischen Klassiker für die Gegenwart übersetzt.Auf dem Bild: Martin Hohner als Arzt Ástrow und und Marieke Kregel als Jeléna. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Tatsächlich bietet „Onkel Wanja“ viele Möglichkeiten der Aktualisierung. Da ist der Konflikt zwischen abgehobenen Städtern und Menschen auf dem Land. Oder ökologische Fragen, die den Landarzt umtreiben, der sich wortreich für den Erhalt des Waldes einsetzt. Oder die #MeToo-Debatte. Immerhin belagern und begehren hier gleich drei mehr oder weniger alte Männer die gleiche junge Frau.Auf dem Bild: Martin Hohner als Arzt Ástrow, Rosa Thormeyer als Sonja und Henry Meyer als Onkel Wanja. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Doch leider bleiben diese Bezüge nur angedeutet. #MeToo liegt in dieser Inszenierung vielleicht irgendwo als Grundierung unter den Teekisten des Bühnenbodens. Aber gespielt und inszeniert wird die Figur der Jelena – Marieke Kegel in ampelroten oder bunten Minikleidern - als Superweib für die routinierte Begierde der Männer, die dann auch wieder zu vielen Worten, aber zu keiner Handlung führt. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Mit etwas gutem Willen könnte man argumentieren, dass Peter Carps Inszenierung gerade die Langeweile der Figuren thematisieren will, ihre Abstumpfung gegenüber sozialen oder ökologischen Fragen, mit der sie auf die gescheiten Artikel des Schwagers reagieren. Die Bio-Teekisten wären demnach ein Verweis darauf, dass es jenseits des Ennui eine Welt mit echten Problemen gibt, die gelöst werden müssten.Auf dem Bild: Henry Meyer als Onkel Wanja. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende sitzen Wanja (Henry Meyer) und die anderen Landbewohner herum und reden davon, dass sie gleich aufstehen und handeln wollen. Vielleicht ist „Onkel Wanja“ am Theater Freiburg also zu gegenwärtig. Man langweilt sich an der Langeweile der Akteure, gerade weil man diesen Zustand so genau kennt. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Onkel Wanja“ von Anton Tschechow am Theater Freiburg. Die nächsten Aufführungen am 27. März, 3., 10., 22. und 25. April 2019.

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