STAND
AUTOR/IN

Das Bewusstsein für Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern existiert nicht erst seit Harvey Weinstein und der internationalen Bewegung #metoo gegen sexuelle Unterdrückung. Schon Anfang der 90er Jahre schrieb Pulitzer-Preisträger David Mamet das Stück „Oleanna“ – ein Lehrstück über die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Am Theater Heidelberg wird daraus ein eindringliches Kammerspiel von beinahe quälender Intimität.

Audio herunterladen (3,4 MB | MP3)

„Oleanna“ von David Mamet am Theater Heidelberg (Foto: Susanne Reichardt)
John (Steffen Gangloff) gehört zu dieser Sorte Mann, die gern anderen Menschen die Welt erklärt. Sogar, wenn andere reden, nutzt er jede kleine Pause im Satz des Gegenübers, um rhetorisch zu glänzen. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Diese Selbstverliebtheit ist unangenehm, aber immerhin passt das Dozieren zu seinem Job: John unterrichtet Pädagogik an einer Universität. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Er steht kurz davor, eine Professur auf Lebenszeit zu bekommen als die Studentin Carol (Sophie Melbinger) in sein Büro kommt. Weil sie die Texte in seinem Seminar nicht versteht. Weil sie das Buch, das John geschrieben hat, nicht versteht. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Zunächst will John sie abweisen, aber dann sieht er in ihrer Hilflosigkeit eine Chance zum Mansplainig – nichts erklärt dieser Mann so gern wie die eigenen Gedanken. Er unterbricht, argumentiert, assoziiert, seziert – und hin und wieder darf Carol ein Stichwort geben. Ihr eigentliches Anliegen? Ist schnell vergessen in dieser asymmetrischen Kommunikation. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Es ist eine recht alltägliche Situation, die Autor David Mamet in seinem Stück „Oleanna“ nutzt, um das Gefälle zwischen einem Mann mit Macht und einer Frau ohne Macht zu zeigen. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Darf sie das? Darf sie die berufliche Existenz ihres Professors scheitern lassen, weil der gern redet? Und andersherum: darf er das? Darf er seine Macht als Professor nutzen, um über den Berufsweg einer Studentin zu entscheiden? Und wie wichtig ist dabei die Tatsache, dass hier eine Frau über einen Mann urteilt und ein Mann über eine Frau? Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Fabian Appelshäuser inszeniert diese Fragen als eindringliches Kammerspiel für zwei Personen, die kleine Bühne des Theaters Heidelberg bietet hierfür eine fast schon quälende Intimität. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Steffen Gangloff als John und Sophie Melbinger als Carol zeigen überzeugend, wie sich die Asymmetrien zwischen Studentin und Professor langsam verschieben. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Ganz unabhängig von der Heidelberger Inszenierung ist Mamets Text auch problematisch. Denn neben dem #metoo-Thema geht es auch um Kritik an den Hochschulen. Vor allem scheinen die an der Universität gelehrten Inhalte ziemlich überflüssig zu sein. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Professor John simuliert Intellektualität nur, er – und später auch Carol – liefern viel heiße Luft, aber keinen Inhalt. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen
Keine Auseinandersetzung - ausgerechnet auch nicht mit jenen theoretischen Positionen, die erst dazu geführt haben, dass Geschlecht ein gesellschaftliches Thema werden konnte. Schade, hier fehlt etwas. Susanne Reichardt Bild in Detailansicht öffnen

„Oleanna” von David Mamet am Theater Heidelberg. Die nächsten Aufführungen am 13. und 15. Februar sowie am 3. März 2020.

Singspiel Mozart trifft Latino-Pop: „La Flauta Magica/Die Zauberflöte“ feiert in Heidelberg Premiere

Das iberoamerikansiche Tanzfestival „¡Adelante!“ eröffnet am Theater Heidelberg mit der Uraufführung des Singspiels „La Flauta Magica/Die Zauberflöte“, frei nach Mozart und Schikaneder. Die Songs dazu liefert Julieta Venega, die in Lateinamerika ein Popstar ist.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN