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Nibelungenfestspiele in Worms 2018 mit "Siegfrieds Erben" Spannende Fortsetzung der Nibelungensage

Am 21.7.2018 von

Premiere für "Siegfrieds Erben" bei den Wormser Nibelungenfestspielen 2018. Das düstere Stück von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel schildert eine Fortsetzung der Nibelungensage nach dem Tod von Siegfried und Kriemhild. Jürgen Prochnow spielt König Etzel, Ursula Strauss Brunhilde. Vor dem Wormser Dom fließt viel Kunstblut. Der bluttrünstige Stoff ist nichts für schwache Nerven - aber eine spannende Fortschreibung des Nibelungenmythos.

"Siegfrieds Erben" als Fortsetzung der Sage

Wir sind am Burgunder-Hof in Worms, am Tag 1 NACH dem großen Blutbad, von dem der Schluss des Nibelungenliedes erzählt. Tot sind Hagen, Gunther, auch Kriemhild, die als König Etzels zweite Frau ihre Brüder aus Rache für ihren hinterlistig gemeuchelten ersten Mann Siegfried ermorden ließ.

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Nibelungenfestspiele 2018 in Worms

"Siegfrieds Erben" - Ende eines Heldenmythos

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Vor der großartigen Domkulisse, die Regisseur Roger Vontobel durch die beeindruckende Lichtinstallation zum mythischen Ort des Geschehens erweckt, wird eines schnell klar:

Vor der großartigen Domkulisse, die Regisseur Roger Vontobel durch die beeindruckende Lichtinstallation zum mythischen Ort des Geschehens erweckt, wird eines schnell klar:

Dieser Siegfried, einst siegreicher Drachentöter taugt längst nicht mehr als urdeutscher Heldenmythos.

Im Bild: Lina Reusse als Swanhild. König Siegmund (Bruno Cathomas) und Königin Sieglinde (Karin Pfammatter) flackern als Projektion auf.

Siegfried wird im neuen Stück „Siegfrieds Erben“ von Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel endgültig - und mit großer Leichenfledderlust - in der Grube einzumottender Männerbilder versenkt.

Zur Hauptfigur wird die überlebende Walküre Brunhilde, gespielt von der österreichischen Schauspielerin Ursula Strauss.

Autor Günter Senkel sagt: „Wir haben uns lange gefragt, wie sich Brunhilde fühlt bei dem Schicksal, das sie erlitten hat. Sie verschwindet aus der Sage und taucht nie wieder auf. Wir geben ihr die Möglichkeit, sich zu äußern.“

Im Bild: Ursula Strauss als Brunhilde (hier in einer Szene mit Wolfgang Pregler als Königsmutter Ute).

Das Kieler Autorenduo Senkel und Zaimoglu legt in dieser Uraufführung ein Stück von antikischer Wucht vor - nach drei Jahren, in denen Albert Ostermaier als Stückeschreiber für die Wormser Nibelungenfestspiele verantwortlich war und in seiner Trilogie der Deutschen älteste Heldensage recht verkopft befragte.

Im Bild: Siegfrieds Sohn (Jimi Blue Ochsenknecht), Königin Sieglinde (Karin Pfammatter) und König Siegmund (Bruno Cathomas).

"Siegfrieds Erben" ist geschrieben in einer kompromisslosen Sprache, die sich suhlt im Blut und schmerzhaft anschauliche Worte für den Gewaltrausch bereit hält.

Im Bild: Linn Reusse als Swanhild.

Das 13köpfige Ensemble erweckt diesen Text zum Leben - bis auf wenige Ausnahmen, bei denen die Darstellung leicht ins Pathetische abgleitet.

Im Bild: Bruno Cathomas als Siegmund, Karin Pfammatter als Sieglinde. Jimi Blue Ochsenknecht als Siegfrieds Sohn und Wolfgang Pregler in einer Frauenrolle als Ute. Miguel Abrantes Ostrowski spielt den Priester.

Es ist ein Plot wie ein Krimi, der rückwärts aufklärt, was es mit dem ach so heldenhaften Siegfried auf sich hatte.

Im Bild: Bruno Cathomas als König Siegmund.

Siegfried, der Drachentöter - für Brunhilde ist es ihr Vergewaltiger: „Der Mann der mich überkam mit List, der mich spießte in der Nacht, hat mir den Tod eingepflanzt. Er spricht durch dich“.

Im Bild: Ursula Strauss und Miguel Abrantes Ostrowski als Priester.

Die Bühne hat Palle Steen Christensen mit wenigen Mitteln in ein kriegsversehrtes Worms verwandelt, dessen morsche Domstufen von Pflanzen überwuchert werden. Hier herrscht schon lange nur noch Auge um Auge.

Im Bild: Jimi Blue Ochsenknecht als Siegfrieds Sohn.

Die Bühne - eine Ruine, die sich im Laufe des Abends in ein entsetzliches Schlachtfeld verwandeln wird – nichts für schwache Nerven.

Schwarze Galle ergießt sich literweise auf den Boden. Die Schauspieler wälzen sich in knöcheltiefem Schlamm, in Blutlachen und auch in Fleischstücken. Unter Schmerzen arbeiten sie so ihre Kriegstraumata ab.

Im Bild: Linn Reusse als Swanhild.

Nico Hofmann: Ein Stück über Generationenkonflikte und Egomanie

Für Intendant Nico Hofmann funktioniert die Drastik des Stoffes mit Blick auf die zunehmende Verrohung in der heutigen Politik wunderbar. "Demokratie und Freiheit - und da sind wir beim Thema des Stückes - sind immer weniger selbstverständlich", so der Intendant und Filmproduzent. "Mich beunruhigt die Weltlage immer mehr. Diese Egomanie, die aus Amerika zu uns schwappt, finde ich, offen gesagt, unerträglich."

6:00 min | Fr, 20.7.2018 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Eröffnung der Nibelungenfestspiele in Worms

Das Familiendrama geht weiter

Hondl, Kathrin

"Man darf großes dynastisches Familiendrama erwarten", verspricht Nico Hofmann den Besuchern der Wormser Nibelungenfestspiele. Der Intendant des Theater-Spektakels vor dem Kaiserdom sieht in dem Stück "Siegfrieds Erben" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine Rückbesinnung. "Zaimoglu definiert die Nibelungen völlig neu", so Hofmann: "Wir fragen, was bedeutet es, in der Unterwerfung zu leben oder: Wo beginnt die Freiheit?". Der urdeutsche Nibelungen-Stoff sei sehr aktuell, glaubt Hofmann. Deshalb plant er als Filmproduzent gemeinsam mit Hollywood-Firmen auch ein Remake der berühmten Fritz-Lang-Version. Hofmann wörtlich: "Ich bin da von Worms ein bisschen wachgeküsst worden".

Regisseur Roger Vontobel setzt auf Jürgen Prochnow

Regisseur Roger Vontobel schließlich kann dabei ganz auf den Star der Inszenierung, Jürgen Prochnow als König Etzel, bauen. Der wiederum verlässt sich ganz minimalistisch auf seinen Text und sein charismatisch umwittertes Antlitz.

Alles in allem eine spannende Fortschreibung des Nibelungenmythos.


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