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Nachdenken über Kriegstraumata: „Verbrennungen“ am Schauspiel Stuttgart

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Intendant Burkhard Kosminski verlegt das Geschehen in den Libanon. „Verbrennungen“ ist eine ergreifende Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs. Dabei kehrt ein Zwillingspaar, in die Heimat seiner von dort geflüchteten Mutter zurück und sucht nach den familiären Wurzeln. Folter, Terroranschläge und Flucht – sie wirken bis in die nächste Generation hinein. Ein fordernder Abend mit Anleihen an die griechische Tragödie

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Die Zwillinge sollen nach ihren familiären Wurzeln suchen

Nachdem Nawal bei einem Kriegsverbrecherprozess ausgesagt hat, spricht sie fünf Jahre lang nicht mehr mit ihren Zwillingen Johanna und Simon. Und stirbt dann. Ihr letzter Wille: die beiden Kinder sollen sich auf die Suche nach ihren familiären Wurzeln machen. Johanna will das Schweigen ihrer Mutter verstehen. Ihr verbitterter Bruder folgt ihr dabei nur widerwillig.

Schnell konfrontiert die Inszenierung von Intendant Burkhard Kosminski einen mit der kollektiven Tragödie eines jahrzehntelang anhaltenden Bürgerkriegs. So flimmern im Hintergrund historische Filmaufnahmen– sie zeigen abrissartig die Entwicklung des Libanonkriegs.

Die erste Hälfte des dreistündigen Stücks wirkt zu verhalten

Später fließt an einer quer über die Bühne gespannten großen Leinwand Blut herunter. Davor spielt ich die Suche der Zwillinge nach ihrem Vater ab. Sie reisen in ihre alte Heimat. Und erfahren, dass ihre Mutter Nawal als 15jährige einen Sohn gebar.

Ein Kind der Liebe, das man ihr weggenommen hat. Ein Kind, das zu eben dem Mann heranwächst, der sie später im Foltergefängnis quält und vergewaltigt. Es ist der Vater ihrer Zwillinge. Für Johanna ein großer Schock.

Knappe drei Stunden dauert der Abend, der die Suche der Zwillinge mit der tragischen Geschichte ihrer Mutter geschickt verschränkt. Leider wirkt die erste Hälfte angesichts der dramatischen Ereignisse ein bisschen zu verhalten.

Verbrennungen (Foto: Pressestelle, Toni Suter)
Szenenbild mit Salwa Nakkara und Evgenia Dodina Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild mit Elias Krischke, Matthias Leja und Paula Skorupa Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild mit Noah Baraa Meskina und Evgenia Dodina Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild mit Noah Baraa Meskina als Wahab/ Abdessamad und Evgenia Dodina als Nawal Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Elias Krischke als Simon und Paula Skorupa als Johanna Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild mit Christiane Roßbach und Paula Skorupa Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild mit aula Skorupa und Elias Krischke Pressestelle Toni Suter Bild in Detailansicht öffnen

Manches gerät zu plakativ

Erst im zweiten Teil nimmt das Stück dann Fahrt auf. Durchgängig überzeugend und glaubwürdig dabei etwa Evgenia Dodina, die mit Tiefe im Spiel und vollem Körpereinsatz die Mutter Nawal überzeugend gibt. Dem Regieeinfall, das Stück neben Deutsch auch auf Arabisch, Hebräisch und Englisch zu inszenieren, kann man allerdings gelegentlich schwer folgen.

Zu sehr muss man sich angesichts der Textfülle auf die Untertitel konzentrieren. Manches gerät auch ein wenig zu plakativ. Wenn etwa ein Kämpfer mit dem Maschinengewehr von Kopf bis Fuß schwarz verhüllte Frauen wahllos niederschießt.

Ein hoffnungsmachender Ansatz

„Verbrennungen“ spielt natürlich auf aktuelle Konflikte an, die Millionen von Menschen auch heute weltweit in die Flucht treiben. Wobei manche zu Opfern und Tätern gleichzeitig werden.

Die Inszenierung fragt darüber hinaus, inwieweit es überhaupt möglich ist traumatische Kriegserlebnisse zu verarbeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. In dem sich die Zwillinge am Ende ihrem Trauma stellen, scheint ein Neuanfang möglich. Ein hoffnungmachender Ansatz, den Burkhard Kosminski mit seinem Ensemble dem Publikum mit auf den Weg gibt. Es lohnt sich darüber nachzudenken.

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