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Wenn alte Autoritäten verschwinden, zeigt sich: Freiheit muss man auch erst lernen. Die „Räuber“-Bearbeitung von Regisseurin Leonie Böhm für ein reines Frauenensemble an den Münchner Kammerspielen zeigt die Flaute nach viel Sturm und Drang. Gekränkter maskuliner Stolz fühlt sich so besonders falsch an.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Bühne Gekränkter Männerstolz: Schillers „Räuber”(innen) in München

Die Räuberinnen an den Kammerspielen in München (Foto: Judith Buss)
Bei Friedrich Schiller stellt der Räuberhauptmann Karl Moor am Ende fest, dass zwei Menschen wie er „den ganzen Bau der sittlichen Weltordnung zugrund richten würden.“ Aber was, wenn die bisherige – patriarchalische – Ordnung mit samt ihrem Gott-Vater bereits gestürzt ist? Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
Sicher, das bedeutet Freiheit. Aber eine Freiheit, mit der man erst umzugehen lernen muss. Dass alte Autoritäten abgeschafft sind, heißt ja noch lange nicht, dass ihre Denkmuster nicht mehr wirksam sind – selbst bei denen, die sie eigentlich ablehnen, aber die über Jahrhunderte tradierten Strukturen doch so tief verinnerlicht haben, dass sie sich nur mit Mühe davon befreien können. - Auf dem Bild: Eva Löbau als Franz Moor. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Leonie Böhm hat sich mit einem reinen Frauenensemble ein Stück vorgenommen, in dem im Original nur eine einzige Frauenfigur auftritt, Karls Geliebte Amalia (Sophie Krauss). Statt – männlichem – Sturm und Drang inszeniert Böhm zunächst die Flaute danach. Über der Bühne hängt eine regensatte Wolke, die gelegentlich Nebelschwaden ausdünstet. Einem Tappen im Nebel gleicht auch der Versuch der Darstellerinnen, sich die verwaisten Männerrollen anzueignen und mit ihrer Weiblichkeit auszufüllen. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
Die feindlichen Brüder Franz und Karl heißen hier nicht, obwohl von Frauen gespielt, Franziska und Karla. Eva Löbau (rechts) und Julia Riedler bleiben Franz und Karl, nur dass sich der gekränkte maskuline Stolz, mit der Schillers Brüderpaar auf die fehlende beziehungsweise entzogene Vaterliebe reagiert, für die beiden Frauen offenkundig falsch anfühlt. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
So hadert beispielsweise Julia Riedlers Karl (rechts) mit der großspurigen Ich-Bezogenheit. Aus Schiller-Originaltext und eigenen Kommentaren entstehen hier Selbstbefragungen der Figuren und ihrer männlichen Selbstbilder. Auch die Amalia von Sophie Krauss muss ihre Rolle als Frau neu justieren. Das alles führt zu einer inszenierten Ratlosigkeit, die in der ersten Hälfte des 80 Minuten schlanken Abends bewirkt, dass die Inszenierung selbst zwischendurch leicht lahmt. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
So braucht es den Freigeist Spiegelberg, der sich über alle Konventionen hinwegsetzt (wunderbar lässig und schnodderig gespielt von Gro Swantje Kohlhof, Mitte), um die anderen wachzurütteln aus ihrer Lethargie. Spiegelberg Kohlhof erst eint die anderen zur „Räuberinnen“-Bande, die eben keine hierarchische Männer-Gang unter Anführung eines Alpha-Männchens ist, sondern empathische Solidargemeinschaft. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
Spiegelbergs Pep-Talk wirkt wie ein reinigendes Gewitter. Und tatsächlich ergießt sich Regen aus der Wolke, der die Spielfläche flutet und so den Boden bereitet für ein furioses Finale, in dem die Schauspielerinnen sich im wahrsten Sinne des Wortes freimachen. Nackt und frei von Scham werfen sie sich ins Wasser und schlittern über die Bühne. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen
In übermütigem Herumtollen und -albern gipfelt die spielerische Freiheit, die sich Leonie Böhm und ihr fantastisches Frauenensemble nehmen. Und doch sind diese „Räuberinnen“ keine Raubkopie, die die Stückvorlage lediglich für eigene Erkenntniszwecke plündert. Am Ende nämlich steht eine Einsicht, die geradewegs zu Schiller führt: dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Judith Buss Bild in Detailansicht öffnen

„Die Räuberinnen” nach Friedrich Schiller, in der Inszenierung von Leonie Böhm an den Münchner Kammerspielen. Die nächsten Aufführungen am 29. November, 4., 11. und 16. Dezember 2019.

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