"Moby Dick" in der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel in Stuttgart Kapitän Ahab in Fieberträumen

Kulturthema am 22.1.2018 von Karin Gramling

Kapitän Ahab jagt Moby Dick, den weißen Wal, der ihm ein Bein abgerissen hat. Den berühmten Romanstoff von Herman Melville hat Jan-Christoph Gockel am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne gebracht. In starken, berührenden Bühnenbildern wird leider viel geredet - und zu viel nacherzählt.

Kapitän Ahab auf der ewigen Jagd

Die eine Hälfte eines durchsichtigen Schiffsrumpfes liegt auf der Bühne. Von der Decke hängen Seile, die Takelage. Immer wenn es stürmisch wird, ziehen die Seemänner daran, bringen den Holzkörper zum Schaukeln und machen ihn so zum Schiff, mit dem die Wellen spielen.

Video: Vorbericht aus dem Kulturmagazin "Kunscht!"

Der einbeinige Kapitän Ahab treibt sie an, auf der Jagd nach Moby Dick, dem weißen Wal: "Fahles Wasser, fahle Gesichter, wohin die Fahrt auch geht. Oh Gott. Missgünstig heben sich die Wellen von der Seite, um meine Spur zu tilgen, aber sollen sie doch."

Sturm an Deck - aus Wassereimern

Regisseur Jan-Christoph Gockel erzählt die Geschichte des besessenen Kapitäns vielschichtig und überraschend. Mit Humor, etwa bei Sturm, wenn sich die Schauspieler minutenlang aus Eimern gegenseitig bespritzen.

Sturm ist, wenn sich die Schauspieler aus Eimern gegenseitig bespritzen. Szene aus "Moby Dick" am Schauspiel Stuttgart. (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach)
Sturm ist, wenn sich die Schauspieler aus Eimern gegenseitig bespritzen. Szene aus "Moby Dick" am Schauspiel Stuttgart. Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach

Aber es gibt auch drastische Bilder: Die Walfänger quälen und schlagen ein Crewmitglied, hängen den Mann blutverschmiert an den Beinen auf und ziehen ihn nach oben. Dann schwingt er wie ein toter Walkörper über dem Schiffsrumpf hin und her. Unten erzählt ein anderer, wie man die Meeressäuger abschlachtet.

Ohrfeige kassieren - und über Bord gehen

Diese Inszenierung konzentriert sich auf den menschlichen Größenwahn und seine zerstörerische Kraft, die schließlich alle ins Verderben führt. Gockel findet grandiose Bilder dafür, arbeitet mit Licht und Nebel, verwandelt den Schiffsrumpf in einen imaginären Wal.

Stockpuppen, geschnitzt aus echten Knochen – als Doppelgänger der Schauspieler, so dass sie ihr eigenes Tun beobachten können.

Seeleute mit Stockpuppen, geschnitzt aus echten Knochen - makabre Doppelgänger der Schauspieler. Ensemble des Schauspiels Stuttgart in "Moby Dick". (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach)
Seeleute mit Stockpuppen, geschnitzt aus echten Knochen - makabre Doppelgänger der Schauspieler. Ensemble des Schauspiels Stuttgart in "Moby Dick". Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach

Unerbittlich stampft das Holzbein

Nachts lässt Gockel den von Alpträumen geplagten Kapitän Ahab ruhelos übers Deck wandern, das unerbittliche Stampfen seines Holzbeines quält die Mannschaft und die Zuschauer. Ein Erzähler aus dem Off schildert Ahabs immer wahnwitzigere Fieberträume.

Ahab, immer im weißen Mantel, zeigt, dass Moby Dick letztlich eine Projektionsfläche ist. Für den Menschen, der zwar an sich zweifelt, aber keine Umkehr zur Vernunft findet.

Zu viel Erzählung, zu viele Monologe

Soweit, so gut erzählt. Doch um die Geschichte vorwärts zu treiben, muss Gockel zu oft auf den Erzähler und Monologe der Schauspieler zurückgreifen. Das zieht die Inszenierung leider immer wieder in die Länge.

Ensemble des Stuttgarter Schauspiel in "Moby Dick". (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach)
Die Seeleute erzeugen den Sturm selbst, indem an den Seilen der Takelage ziehen. Ensemble des Stuttgarter Schauspiel in "Moby Dick". Schauspiel Stuttgart - Foto: Julian Marbach

Trotz großartiger schauspielerischer Leistung aller: Es konzentriert sich zu viel auf den düsteren, zweiflerischen Ahab. Aber wenn man den vielschichtigen Kosmos, den die Romanvorlage Melvilles bietet, überhaupt auf die Bühne bringen kann, dann hat Christoph Gockel mit seinem Team gezeigt, wie sich in einer Reduktion des Stoffes starke und berührende Bilder finden lassen.

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