Schlechte Noten für "Tannhäuser" am Staatstheater Darmstadt Medienzirkus à la "Arabien sucht den Superstar"

Kulturthema am 24.4.2017 von Ursula Böhmer

Der iranische Theatermacher Amir Reza Koohestani verschießt in seiner "Tannhäuser"-Inszenierung am Staatstheater Darmstadt viele Aktualisierungs-Pfeile, ohne je ins Schwarze zu treffen, so die Theaterkritikerin Ursula Böhmer. Zum Beispiel, dass der Pilgerchor wie Bootsflüchtlinge in Wärme-Aludecken gehüllt ist, lenkt von den eigentlichen Wagnerthemen ab. Auch, dass Tannhäusers gestrige christliche Ordnungswelt in eine heutige muslimische Gesellschaft verlegt wird und der Sängerkrieg zu einem Art "Arabien sucht den Superstar"-Medienzirkus mutiert, überzeugt nicht. Sängerisch ist Tuija Knihtiläs als Venus zu loben. Deniz Yilmaz' Tannhäuser dagegen bleibt blass und kraftlos.

Noch ist der Vorhang zu: Zeit und Muße, den friedvoll-choralartigen Bläserklängen des hervorragend aufgelegten Staatsorchesters Darmstadt zu lauschen. Generalmusikdirektor Will Humburg wird das Orchester den ganzen Abend über zum tiefgründig-feinsinnigen Mitleiden und Kommentieren anleiten. Dann öffnet sich der Vorhang – und ein riesiges Bett unter weißen Gazevorhängen wird auf der Darmstädter Bühne sichtbar. Darin schlafend: Tannhäuser, seine Venus, drei Grazien und ein Jüngling. Über ihnen im Video: Eine verworrene Traumwelt aus verlockender Hollywood-Filmdiva, einem Fließband mit vorbeiziehenden Nektarflaschen, Männern, die ins kalte Wasser springen.

Tannhäuser zu blass und kraftlos

Auch Tannhäuser ist bildhaft in unbekanntes Fahrwasser gesprungen – nämlich in den Sündenpfuhl der Venus. Bei der heidnischen Liebesgöttin hat er mittlerweile aber mehr Lust erlebt als ihm lieb ist. Nun will er wieder zurück – in seine alt-christliche Schuld- und Sühne-Welt. Erotik versus Liebe, Gefühl versus Vernunft, Tradition versus Freiheit: Tannhäuser steht zwischen den Welten. In Darmstadt steht er allerdings eher neben sich - zu blass und kraftlos singt der Türke Deniz Yilmaz seinen Tannhäuser. Zumal er in Tuija Knihtiläs Venus eine überzeugend kraftvolle Gegenspielerin hat: Im weißen Pyjamaoberteil stellt sie ihre Reize hier zur Schau.

Sängerkrieg als Medienzirkus à la "Arabien sucht den Superstar"

So weit, so fast noch alles gut im Darmstädter Regiekonzept des Iraners Amir Reza Koohestani. Doch dann verlegt er Tannhäusers gestrige christliche Ordnungswelt in eine heutige muslimische Gesellschaft – und den Sängerkrieg in eine Art "Arabien sucht den Superstar"-Medienzirkus. Der Volkschor schaut also, in Kopftüchern und Kaftanen auf Tribünen sitzend, dabei zu, wie sich Tannhäuser und seine Sängerkonkurrenz auf bunt beleuchteten Treppenstufen fernsehtauglich den musikalischen Schlagabtausch geben. Die Fernsehshow ist nur ein billiger Gag - doch die mittelalterlichen christlichen Ordnungs- und Regelhüter mit zeitgenössischen muslimischen Ordnungs- und Regelhütern gleichzusetzen, die in Wagners Text aber nun mal von christlichen "heiligen Jungfrauen" und "Erlösern" singen müssen: Das geht letztlich nicht auf.

Aktualitäts-Hinweispfeile treffen nicht ins Schwarze

Dass die klangschöne Sopranistin Edith Haller als Elisabeth ihr Kopftuch sehr locker trägt und unter der weißen Flatterbluse zudem freiheitliche Jeanshosen durchblicken lässt, passt dann immerhin ins verkehrte Religionswelten-Bild: Denn Elisabeth ist hier die Einzige, die Tannhäusers Seelenkonflikt zwischen Laster und Tugend nachvollziehen und verzeihen kann – sich für ihn sogar opfert: Ihr Leben gegen sein Seelenheil. Mehrfach gespiegelt, dreht sie sich in Darmstadt auf einer Drehbühne sozusagen in die Unendlichkeit: Ein schönes Bild.

Sonst aber weicht Amir Reza Koohestani Wagners Themen lieber mit Ablenkungsmanövern aus: Dazu gehört auch, dass der reuige Pilgerchor hier in goldene Wärme-Aludecken gehüllt ist – als wäre er gerade frisch von Flüchtlingsbooten aus dem Mittelmeer gefischt worden. So verschießt Koohestani lauter Aktualisierungs-Hinweispfeile – ohne damit je wirklich ins Schwarze zu treffen: Heutiger wird der vermeintlich gestrige Wagner-Stoff dadurch nicht. Eher willkürlicher.

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