Bühne

„Maria Stuart“ bei den Salzburger Festspielen – Königinnen-Duell und Testosteron-Ästhetik

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AUTOR/IN
Sven Ricklefs

Coronabedingt fand die Salzburg-Premiere von Martin Kusejs „Maria Stuart“ erst jetzt statt – am 15. August 2021 – ein Jahr später als geplant. In seiner Inszenierung treffen Birgit Minichmayr als Maria Stuart und Bibiana Beglau als Elisabeth Tudor im Königinnen-Duell aufeinander. Doch ihr Showdown kann sich nicht lösen aus dem Netz männlicher Macht.

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Maria Stuart (Foto: Pressestelle, SF / Matthias Horn)
Maria Stuart 2021: Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Birgit Minichmayr (Maria Stuart, Königin von Schottland) und Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England) Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Itay Tiran (Robert Dudley, Graf von Leicester), Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Norman Hacker (Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh), Rainer Galke (Amias Paulet, Ritter, Hüter der Maria), Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England), Oliver Nägele (Georg Talbot, Graf von Shrewsbury) und Franz Pätzold (Mortimer, sein Neffe) Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Norman Hacker (Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh), Rainer Galke (Amias Paulet, Ritter, Hüter der Maria), Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England), Oliver Nägele (Georg Talbot, Graf von Shrewsbury), Franz Pätzold (Mortimer, sein Neffe) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Birgit Minichmayr (Maria Stuart, Königin von Schottland), Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Im Bild: Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England), Tim Werths (Wilhelm Davison, Staatssekretär) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen
Schlussapplaus bei Maria Stuart - von links - Franz Pätzold (Mortimer, sein Neffe), Iray Tiran (Robert Dudley, Graf von Leicester), Birgit Minichmayr (Maria Stuart, Königin von Schottland), Rainer Galke (Amias Paulet, Titter, Hüter der Maria), Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England), Oliver Nägele (Georg Talbot, Graf von Shrewsbury), Tim Werths Wilhelm Davison, Staatssekretär) und das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn Bild in Detailansicht öffnen

Scharf schneidet das Henkerbeil, hoch über der Bühne schwingt der abgeschlagene Frauenkopf, aus dem Halsstumpf tropft das Blut. Und unten 30 Männer, in Reih und Glied mit dem Rücken zum Publikum. Nackt. Alle. Blackout. Oder: 30 nackte Männer, die sich aus Sauerstoffflaschen beatmen. Blackout.

30 nackte Männer als lebendes Bühnenbild

Maria Stuart (Foto: Pressestelle, SF / Matthias Horn)
Im Bild: das Ensemble Pressestelle SF / Matthias Horn

Das ist eindeutig das Theater des Regisseurs Martin Kusej: sensibel die Analyse, massiv die Bilder, wummernd der Sound, testosterongetränkt die Ästhetik. Und die wuchtigen Blackouts geben den Rest. 30 nackte Männer als lebendes Bühnenbild, darauf muss man erst einmal kommen, 30 nackte Männer, von 30 Scheinwerfern angestrahlt, sonst ist der von Wänden umstellte Kasten leer. Männerkörper also: mal zum Cluster verdichtet, mal als Labyrinth in den Raum gestellt, mal als kreisende Mörderbande die Wände mit Blut beschmierend. Männer als potenzstrotzende Folie für ein Stück, das eigentlich vom Konflikt zweier Frauen erzählt, zweier Königinnen: Maria Stuart und: Elisabeth Tudor. Die eine liegt im Kerker der anderen, weil beide Anspruch haben auf den englischen Thron.

Schranzen, Machtpolitiker, Einflüsterer spinnen die Fäden

Eigentlich also wäre das ein Showdown zwischen zwei starken Frauen, wäre da nicht der Hofstaat: die Schranzen, die Machtpolitiker, die Einflüsterer, Männer allesamt, die das Ränkespiel in Wahrheit spielen, die die Fäden spinnen, die Hoffnungen hegen und Hoffnungen wecken, die Rettung ersinnen und Strategien durchkreuzen, Männer, die sich nun bei dieser Salzburger Festspielinszenierung immer wieder aus den Clustern der Männerleiber lösen oder das Labyrinth durchschreiten: Männer unter Männern, das funktioniert bekanntermaßen schon lange! Dazu kommt, dass die beiden Königinnen, um die es eigentlich gehen sollte, nie wirklich frei waren oder sind, sondern sich immer auch als Objekt des Begehrens dieser Männer wahrnehmen oder so wahrgenommen werden.

Glänzende Burgtheaterstars Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau

Maria Stuart (Foto: Pressestelle, SF / Matthias Horn)
Im Bild: Birgit Minichmayr (Maria Stuart, Königin von Schottland) und Bibiana Beglau (Elisabeth, Königin von England) Pressestelle SF / Matthias Horn

Nur einmal ist die Bühne frei von allen Lüstlingen, die einem irgendwann ohnehin ein wenig auf die Nerven gehen mit ihren Licht-aus-Spot-an-Auftritten: dann wenn sich die beiden Frauen zum ersten und einzigen mal begegnen, wenn sie sich einmal nahe kommen und doch zueinander nicht können, Maria und Elisabeth, Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau, zwei Burgtheaterstars, zwei Schauspielerinnen, die die Hoheit gleichsam im kleinen Finger haben und die Schattierungen der Angst oder des Hasses in die Nuancen ihrer Stimme legen.

Friedrich Schillers „Maria Stuart“ also als jambengetreue Tiefenanalyse von Machtverhältnissen im Kosmos der Geschlechter. Ebenso wuchtig wie immer wieder auch bildstark, dabei aber zugleich auch ziemlich erdenschwer und: garantiert humorfrei. Da wo Martin Kusej draufsteht ist eben Martin Kusej drin. Auch bei den Salzburger Festspielen. 

Salzburg

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Sven Ricklefs