"Love it or leave it" von Nurkan Erpulat am Gorki-Theater Alarmierende Hoffnungslosigkeit

Kulturthema am 14.11.2016 von Oliver Kranz

Die Nachrichten, die uns aus der Türkei erreichen, klingen besorgniserregend. Präsident Erdogan macht Jagd auf jeden, der seinen Machtanspruch gefährden könnte. Was passiert, wenn die Demokratie in der Türkei komplett abgeschafft wird? Diese Frage stellen sich auch Türken, die in Deutschland leben. Nurkan Erpulat ist Theaterregisseur und wurde vor fünf Jahren mit der Inszenierung "Verrücktes Blut" zum Theatertreffen eingeladen. Nun ist er Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki Theater, wo am 11.11. seine Inszenierung "Love it or leave it" Premiere hatte. Soll man die Türkei lieben oder verlassen? Das ist die Frage, die der Titel stellt.

Eine Familie trinkt Tee. Eigentlich ein harmonisches Bild. Doch das Zimmer, in dem das Stück spielt, hat schräge Wände. Hinten steht ein Ehebett, links ein Schreibtisch. Im Teppichboden gähnt ein großes Loch. Und das ist symbolisch gemeint: Die Familie steht am Abgrund und mit ihr die ganze Türkei. Die Inszenierung liefert ein Gesellschaftsporträt in teilweise etwas bemüht wirkenden Metaphern.

Nach langem Warten beginnt eine Frau die Weltuntergangshymne der Doors zu singen. Die Stimmung ist bedeutungsvoll melancholisch. Einige Darsteller tanzen, ein schwules Pärchen zum Beispiel und ein Mann mit einer sehr jungen Frau. Das könnte der Beginn einer Geschichte sein. Doch die Inszenierung liefert nur Szenen, die wenig Bezug zueinander haben.

Zunächst erleben wir eine familientherapeutische Sitzung. Der Gesprächsleiter, der eine religiöse Kopfbedeckung trägt, spricht in blumigen, völlig absurden Naturvergleichen. Der Familienbaum stehe schief, behauptet er, weil es die Tochter an Respekt fehlen lasse. Er fordert das Mädchen auf, sich bei seinem Vater zu entschuldigen. Als es sich weigert, schreit er das Mädchen so lange an, bis es kleinlaut um Entschuldigung bittet. Eine verstörende Szene. Es wird greifbar, dass der geforderte Respekt nichts anderes als absolute Unterwerfung ist.

Später tritt eine Mutter auf, die ihren erwachsenen Sohn verdächtigt, mit dem Rauchen angefangen zu haben. Auch sie schreit ihn an und der junge Mann knickt ein. Nurkan Erpulat und sein Textautor Emre Akal billigen der jungen Generation in der Türkei nicht viel Rückgrat zu.

Andere Szenen sind reine Kabarettnummern. Da versuchen Menschen mit heraushängenden Zungen ein Bananenbündel zu erreichen, das an einer Schnur von der Decke baumelt. Auf den Früchten ist ein EU-Symbol aufgeklebt. Die Leute werden angelockt, doch wenn es ihnen gelingt, die Bananen zu erreichen, erhalten sie Stromschläge. Ein schmieriger Anzugträger hält Reden, in denen er dem Volk Fleisch und Wohlstand verspricht und am Ende Allah lobt. Dafür wird er von seinen Zuhörern gestreichelt und auf seinen nackten Hintern geküsst. Niemand begehrt auf. Ein junger Mann hält angewidert eine Rede, in der er ein Türkei-Gedicht von Küçük İskender zitiert.

Eindringlicher kann man Hoffnungslosigkeit kaum beschreiben.

Der Ton der Inszenierung schwankt zwischen Sarkasmus und Melancholie. Vieles wirkt grob zusammengezimmert, doch man spürt den Schmerz, der der Aufführung zugrunde liegt. Sie richtet sich weniger an ein deutsches Publikum als an ein türkisches. Die Emotion teilt sich mit. Kunstgenuss liefert der Abend zwar nicht, aber dafür alarmierende Innenansichten der türkischen Gesellschaft.

STAND