Bühne

Lena Lagushonkova erhält Europäischen Nachwuchsdramatiker*innen Preis

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AUTOR/IN
Sophia Volkhardt

Der Europäische Dramatiker*innen Preis hat in diesem Jahr für Aufsehen gesorgt: Wegen Antisemitismusvorwürfen gegen die Preisträgerin Caryl Churchill wurde er nicht vergeben. Der Nachwuchsdramatiker*innen Preis hingegen schon: In diesem Jahr erhält ihn die aus der Ukraine geflüchtete Dramatikerin Lena Lagushonkova. Ihr Stück „Gorkis Mutter“ feierte am 18. November im Kammertheater in Stuttgart Premiere.

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Die Situation in der Heimat raubt den Schlaf

Als Lena Lagushonkova erfuhr, dass sie in Deutschland für ihre Arbeit als Dramatikerin ausgezeichnet werden soll, erlebte sie das als unwirklich in vielerlei Hinsicht. Sie war zu diesem Zeitpunkt noch in ihrer Heimat in Kiew – um sie herum: Krieg, Bombenalarm, die sich nähernden russischen Truppen. Kurze Zeit später flieht sie mit ihrer Mutter. 

Jetzt lebt Lagushonkova in Polen – aber Ruhe hat sie dort nicht, die Situation in ihrer Heimat raubt ihr den Schlaf. Immer wieder schaut sie auf ihr Handy, ob bei ihren Freunden etwas Schlimmes passiert ist.

Ist Kunst fehl am Platz oder der einzige Weg?

Lagushonkovas Familiengeschichte ist vom Krieg geprägt: 2014 kamen russische Soldaten in ihre Heimatstadt, im Jahr darauf nimmt der Krieg ihr den Vater. Im letzten Jahr aber hat sich die Situation weiter zugespitzt. 

„Die ersten zwei Wochen nach der russischen Invasion habe ich in einem Keller verbracht. Da hatte ich viel Zeit nachzudenken und bin zum Schluss gekommen, dass die Kunst fehl am Platz ist und uns nicht helfen kann. Als ich dann die Ukraine verlassen habe, hat sich meine Meinung radikal verändert. Die Kunst ist der einzige Weg, der uns zu Verständnis und Versöhnung bringen kann.“

Gorkis Mutter von Lena Lagushonkova (Foto: Pressestelle, Björn Klein)
Das Stück „Gorkis Mutter“ wird am Kammertheater in Stuttgart aufgeführt (Szenenbild mit Inna Bulbotko und Senia Doliak). Pressestelle Björn Klein

Sozialistische Prägung, Armut, Arbeit und Politik

Ihr Stück „Gorkis Mutter“ ist eigentlich Teil einer Trilogie. Mehrere Figuren breiten hier ihr Leben aus, rekapitulieren scharfzüngig die Geschichte von Bekannten und Verwandten, früher in der Sowjetzeit und heute. Es geht um die sozialistische Prägung, Armut, Arbeit und Politik.

Der Titel greift den Vorzeige-Sozialismus-Roman „Die Mutter“ von Maxim Gorki auf, einst Pflichtlektüre für jedes Kind. Das Bühnenbild ist schwarz, steinig und minimalistisch.

Präsent sind ein Kreuz und eine Diskokugel: Widersprüche, die sich auch im Generationenkonflikt der Figuren wiederfindet. Lena Lagushonkovas Erzählstil ist assoziativ, fragmentarisch und mit vielen Zeitsprüngen versehen. 

Gorkis Mutter von Lena Lagushonkova (Foto: Pressestelle, Björn Klein)
Das Bühnenbild von „Gorkis Mutter“ ist minimalistisch und dunkel (Szenenbild mit Inna Bulbotko und Senia Doliak). Pressestelle Björn Klein

Nächstes Projekt: Ein Musical über russische Söldner und deren Mütter

Aktuell arbeitet Lagushonkova an etwas neuem: ein Musical über russische Söldner und deren Mütter.

Auch das klingt erst einmal nach einem Widerspruch – aber: Humor und der Tatendrang scheinen für Lena Lagushonkovas das Mittel, um das Leid um sie herum ertragen zu können.

Stuttgart

Kommentar Antisemitismus-Vorwürfe: Schauspiel Stuttgart nimmt Europäischen Dramatiker:innenpreis für Caryl Churchill zurück

Es ist hochnotpeinlich: Die vom Schauspiel Stuttgart eingesetzte Jury für die Vergabe des hochdotierten Europäischen Dramatiker:innenpreises will nichts von den Vorwürfen gegen die britische Dramatikerin Caryl Churchill gewusst haben. Dabei hätte man es wissen können. Denn seit langem ist bekannt, dass die 84-jährige die Israel-Boykottbewegung BDS unterstützt. Der Preis sollte am 20. November in Stuttgart verliehen werden. 

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Gespräch Kunstministerin Olschowski: Fehler bei der Vergabe des Europäischen Dramatiker:innenpreises korrigiert

„Es ist ein Fehler passiert und wir haben reagiert“, sagt die Baden-Württembergische Kunstministerin Petra Olschowski im SWR2 Gespräch zur Vergabe des Europäischen Dramatiker:innenpreises an Caryl Churchill. Nach Kritik an der Nähe der Schriftstellerin zur Israel-Boykottbewegung BDS hat die Jury am Schauspiel Stuttgart die Auszeichnung zurückgenommen.

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