Bühne

Triumph der Staatsoper Stuttgart: „L’elisir d’amore - Der Liebestrank“ von Gaetano Donizetti ist ein klingendes Wunder

STAND
AUTOR/IN
Bernd Künzig

Ein junger, verliebter Landarbeiter will eine Gutsbesitzerin mithilfe eines Liebestranks erobern. In Stuttgart verwandelt Anika Rutkofsky diese kurze Erfolgsformel von Gaetano Donizettis populärer Oper „L’elisir d’amore / Der Liebestrank“ in ein überwältigendes Glaubensbekenntnis der Magie der Oper.

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Es beginnt mit klinisch kalter Gewächshaus-Natur

Die ländliche Idylle in Gaetano Donizettis Oper „Der Liebestrank“ ist längst entzaubert. Zum Bild der Natur aus dem Geist des 19. Jahrhunderts muss man erst einmal zurückfinden. 

L’elisir d’amore - Der Liebestrank (Foto: Pressestelle, Martin Sigmund)
Die Liebe wirft den Landarbeiter Nemorino völlig aus der Bahn. Die von ihm angebetete Gutsbesitzerin Adina dagegen hält ihre Gefühle fest im Griff und gibt sich in Sachen Liebe wie auch Nemorino gegenüber vollkommen abgeklärt. Pressestelle Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Der selbsterklärte Wundertäter Dulcamara offeriert Nemorino einen Liebestrank, von dessen Einnahme sich dieser Adinas Zuneigung erhofft. Pressestelle Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Das begehrte Elixier ist zwar nur eine Flasche Bordeaux – doch ereignen sich mit seiner Einnahme wahre Wunder und erlebt vor allem Adina (ohne einen Tropfen davon zu trinken) unerwartete Gefühlsverwirrungen. Pressestelle Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Anika Rutkofsky erzählt in ihrer Inszenierung von der Wiederentdeckung von Phantasie und magischem Denken in einer entzauberten Welt. Pressestelle Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Orchester, Chor und die Solistinnnen und Solisten steigern sich auf der Bühne zu einem regelrechten Rauschtraum. Pressestelle Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen

Ernüchtert finden wir uns auf der Bühne von Uta Gruber-Ballehr in Anika Rutkofskys Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart in einem klinisch kalten, neonerleuchteten Gewächshaus wieder. 

Nemorino will Adina mit Liebestrank rumkriegen

Adina ist die Laborleiterin dieser synthetischen Landwirtschaft, Nemorino der in sie unsterblich verliebte Laborangestellte. Hereingeschneit kommt nicht nur der machohafte, auf Adina fixierte Sicherheitsoffizier Belcore, sondern auch der Quacksalber Dulcamara.

Er verscherbelt Nemorino den ominösen Liebestrank, hier ein Gemisch aus ein paar Haaren und einem fuseligen Bordeaux. Geradlinig funktioniert nun auch in Stuttgart alles so sympathisch naiv erzählt, wie in Felice Romanis genialem Libretto zu Donizettis Oper. 

Der betrunkene Nemorino wird offenherzig

Nemorino wird alkoholisiert zunehmend enthemmt und die spröd-kokett sich weigernde Adina verfällt dem offenherzig Naiven. Der erbt auch noch das Vermögen des gerade verstorbenen Onkels und die Geliebte erreicht den Freikauf des zum Militär Verpflichteten. 

Belcore soll Junggesellensergeant bleiben und Dulcamara wird als vermeintlicher Wunderheiler gefeiert. Mit chaplineskem Charme einer fein austarierten Personen- und Chorregie erzählt Anika Rutkofsky die Geschichte im ersten Akt. 

Alles ist verwandelt

Der Zufall mag bei all diesen Fügungen seine Hand im Spiel haben. Am Ende der ersten Hälfte beginnt aber das Gras in den klinisch sauberen Betonbeeten wie von Zauberhand zu wachsen.

Nach der Pause hat sich ein Naturwunder ereignet. Aus dem Gewächshaus ist ein tropisch wucherndes Treibhaus geworden. Entstanden sind die künstlichen Paradiese wie in den Drogenfantasien eines Charles Baudelaire. 

Alles ist verwandelt und nicht nur der unter rauschhaftem Einfluss stehende Nemorino. Und so kehrt sie wieder: die idyllische Landpartie mit Dulcamara als dem einer Hippiefantasie entsprungenen Merlin mit grauem Zaubererbart.  

Claudia Muschio als Adina singt rasend schön

Hier zeigt sich das Wesen der Oper: die Verwandlung der Welt in klingende Wunder. Und dieses inszenierte Glaubensbekenntnis an das Medium durch die Regisseurin Anika Rutkofsky ist schlicht und ergreifend überwältigend und besitzt doch das Augenzwinkern der komödiantischen Spielfreude. 

Tönende Wunder ereignen sich auch auf der Bühne und im Graben. Das erste ist Claudia Muschio als Adina. Sie verfügt nicht nur über eine rasend schöne, wunderbare Stimme, sondern singt die Hochseilkoloraturen dieser Partie auch traumwandlerisch.  

Herausragende Gesangsleistungen

Kai Kluge ist ein intonationssicherer, offen und ehrlich liebender Junge, die verkörperte Raffinesse des Naiven, der Belcore des Björn Bürger ein deklamatorisches Meisterstück vokaler Akrobatik. Eine Entdeckung: Laia Vallés als Gianetta. 

Giulio Mastrototaro gestaltet den Dulcamara mit der närrischen Weisheit, die schon Verdis Falstaff anklingen lässt. Der Rollenname ist einer Pflanze entlehnt: Solanum dulcamara, dem bittersüßen Nachtschatten.

Chor und Orchester performen wie im Rauschtraum

Ein solches Gewächs ist nicht nur dieser wunderbare Sänger, zu dieser Gattung müssen wir die ganze Aufführung zählen. Wie in einem sich steigernden Rauschtraum agieren der Staatsopernchor Stuttgart und das Staatsorchester unter der Stabführung des jungen Dirigenten Michele Spotti, der alle gern unterschätzten Feinheiten der Instrumentationskunst des Komponisten auskostet. 

Hier ereignet sich ein Bel Canto-Fest. Nach dem Ende der vergangenen Spielzeit an der Stuttgarter Staatsoper mit einer sinnlich überwältigenden „Rusalka“ Dvoraks nun also am Beginn der neuen ein szenisch wie musikalischer Triumph des Opernzauberers Gaetano Donizetti.   


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