Oper

Entdeckung des Jahres: „La Légende de Tristan“ am Theater Ulm ist eine musikalische Offenbarung

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Die 1926 entstandene Oper „La Légende de Tristan“ von Charles Tournemire befasst sich mit dem gleichen Liebesdrama wie Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Erst hundert Jahre später kommt das Stück am Theater Ulm erstmals auf die Bühne. Die wunderbare Uraufführung zeigt: Charles Tournemire war ein grandioser Komponist – der viel zu lang unterschätzt blieb.

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König Marc will Iseut heiraten

Tristans Liebe zu Isolde ist eine unmögliche, in Charles Tournemires Oper „La Légende de Tristan“ am Theater Ulm eine geradezu unerfüllt keusche. Denn dieser Held bleibt seinem König Marc treu.

Als Lehensmann seines Königs tötet Tristan den Iren Morholt. Anschließend besiegt er einen furchterregenden Drachen, nur um die Hand von Morholts Nichte Iseut zu gewinnen, um sie in die seines Königs in Cornwall zu geben.

Tristan verliebt sich und wird verraten

Und doch verliebt er sich in Iseut, als sie den aus dem Drachenkampf schwer verletzt Zurückkehrenden pflegt. Es ist ein böser Zwerg, der hier allein durch sein aufdringlich kariertes Anzugsmuster grotesk ist, der das scheinbar ehebrecherische Verhältnis des Paares an König Marc verrät.

La Légende de Tristan am Theater Ulm (Foto: Pressestelle, Jochen Klenk)
Ensemble und Opernchor meistern die anspruchsvolle Partitur mit Bravour. Pressestelle Jochen Klenk

Tristan flieht in die Einsamkeit. In närrischer Verkleidung kehrt er an den Hof zurück, um unerkannt noch einmal Iseut nahe sein zu können. Danach stürzt er sich in den Kampf. Durch seinen Tod entgleitet er in ein friedvolles Jenseits ewiger Liebe.

 Mittelalter-Story in die Moderne verlegt

Regisseur Kay Metzger tut gut daran, die überzeitliche, mystisch durchdrungene Legende aus dem Mittelalter in die Entstehungszeit der Oper um 1926 zu verlegen. Der Drache ist kein mythisches Ungeheuer, sondern das kurz vor der Komposition der Oper zu Ende gegangene Stahlgewitter.

Wie ein psychologisch fein austariertes Drama aus der Feder August Strindbergs kommen die Szenen einer Ehe und der unerreichbar überhöhten Liebe daher. Ein von Michael Heinrich gestalteter Salon mit Bücherwand, Kamin, eingelassener Kammer und erhabenen Meerlandschaften und Kriegsszenen in der Video-Projektion sind der raffiniert ausgeleuchtete wie blickfangende Rahmen der Erzählung.

 Musik von Charles Tournemire ist eine Offenbarung

Die in Ulm erstmals nach fast hundert Jahren zum Klingen gebrachte Musik von Charles Tournemire ist eine grandiose Offenbarung. In den die acht Bilder der Oper verbindenden Zwischenspielen tönt das Orchester machtvoll erzählend in einem letzten Nachhall des Wagnerismus in Frankreich.

Aber für das Kammerspiel der fünf Personen des Stücks reduziert Tournemire den Apparat an zahlreichen Stellen solistisch zur Kammermusik. Beispielsweise auf einen Dialog von Flöte und Geige. Der ist so sprechend, wie die ganze Textartikulation transparent geführt ist. Jedes Wort ist verstehbar. 

Charles Tournemire ist ein viel zu lang unterschätzter Komponist

Mit französisch-delikater Instrumentationskunst wird das Hinübergleiten Tristans in die Ewigkeit mit der mächtig anwachsenden Schleife einer nach oben wandernden Tonfolge zum rauschhaft überwältigenden Höhepunkt des selbstbestimmten Todes.

Charles Tournemire erweist sich als eine eigenständig innovative und allzu lang unterschätzte, ja stummgebliebene Stimme zwischen französischer Spätromantik, Impressionismus und beginnender Moderne des klangharmonischen Fortschritts.   

 Eine maßstabsetzende Entdeckungen

Unter der Leitung des jungen Generalmusikdirektors Felix Bender entzündet sich das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm mit großer Leidenschaft für Tournemires subtile Instrumentationskünste und meistert die harmonischen und rhythmischen Vertracktheiten dieser anspruchsvollen Partitur.

Der klar singende Opernchor steht dem in nichts nach. Das Ensemble mit An de Ridder als Iseut, Markus Francke in der Titelpartie, dem König Marc von Dae-Hee Shin, dem Zwerg von Joshua Fink und der herausragenden I Chiao Shih als Brangien bietet eine in sich stimmige und homogene Vokalleistung.

Diese wunderbare Uraufführung eines fast hundert Jahre alten Werks, entreißt es nicht nur zu Recht der rätselhafterweise verschlossenen Schublade, sondern schließt mutig eine Lücke der Musikgeschichte und kann schon jetzt zu den maßstabsetzenden Entdeckungen des Jahres gezählt werden.

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Bernd Künzig