Bitte warten...

"Kreatur" - Recherche zu den Ängsten des Menschen Uraufführung von Sasha Waltz im Radialsystem Berlin

Kulturthema am 10.6.2017 von Natali Kurth

Sasha Waltz gilt als eine der wichtigsten europäischen Choreografinnen. Die in Karlsruhe geborene lebt und arbeitet seit langem in Berlin. In der Spielzeit 2019/2020 wird sie zusammen mit Johannes Öhmann die Direktion des Staatsballetts Berlin übernehmen. Ihre eigene Compagnie Sasha Waltz & Guests soll weiter existieren, Stücke wie "Körper" sind weltweit gebucht. Auftragsarbeiten für die Pariser Oper, für die Opera Monnier in Brüssel und zuletzt die Raumerkundung der Hamburger Elbphilharmonie sind einige wichtige Stationen ihrer Karriere. Uraufführungen in Berlin von Sasha Waltz sind allerdings rar. Die letzte ist 12 Jahre her. Gestern brach Sasha Waltz den Bann und zeigte ihre Uraufführung "Kreatur" im Radialsystem, einem ehemaligen Pumpwerk.

Merkwürdige Wesen, die aussehen wie Zuckerwatte am Stiel, irren ziellos auf der Bühne umher. Gesichtslose Gestalten umwickelt mit einem voluminösen Umhang aus hauchdünnen Metallfäden. Nur die Füße sind zu sehen. Iris van Herpen, die auch für Lady Gaga arbeitet, hat die spektakulären Kostüme kreiert. Die Tänzer spucken Wortfetzen wie verdorbene Nahrung aus. Dazu Industrieklänge des Soundwalk Collectives. Das hat sich auf genreübergreifende Kompositionen spezialisiert und für "Kreatur" eine zumeist sehr düstere Klangwelt geschaffen. Düster ist auch die Grundhaltung, die Sasha Waltz in ihrer Uraufführung "Kreatur" einnimmt. Sie zeichnet ein Bild unserer Gesellschaft, die sie bedroht sieht von Umwälzungen, Ausgrenzung und Ängsten. Zur Recherche besuchte Sasha Waltz mit ihrer Kompanie das ehemalige Stasigefängnis Berlin–Hohenschönhausen. Ein Ort, an dem politisch Inhaftierte physisch und psychisch gefoltert wurden.

Recherche im Stasigefängnis

Auf der Bühne werden nun riesige Spiegelfolien, in die die Tänzer sich einwickeln, zum Gefängnis und zum Spiegel verlorener Existenzen. Ihre Körper winden und verdrehen sich, ihr Antlitz wirkt durch die Folie verzerrt, die Gliedmaßen unnatürlich. Ein beunruhigendes Szenario. Zwei Männer scheinen im Schmerz eng umschlungen ineinander zu verschmelzen. Dazwischen posiert Corey Scott-Gilbert, ein hünenhaft schwarzer Tänzer wie eine griechische Skulptur mit Stand- und Spielbein, bevor er selbst den Kampf unter der Folie antreten muss. Macht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche, Freiheit und Kontrolle. Das sind die Pole zwischen denen Sasha Waltz ihre 14 Tänzer gradwandern lässt. Für den Zuschauer sind diese Analysen körperlich spürbar. Die Stühle im Radialsystem vibrieren, so laut wummern teils die Bässe. Ein Schuss lässt zusammenfahren. Er gilt einer Frau, die unter Todesangst brutal eine Treppe hochgeschubst wird. Ein Phantasiewesen, das aussieht wie ein Nadelkissen mit meterlangen Nadeln sucht nach Liebe, kann sich aber niemandem nähern. Andere küssen sich. Einer bohrt Nägel mit Akkuschrauber in die Haut des geliebten Menschen, um ihn zu binden.

Spiegelfolie als Kerker

Am Ende ist eine Tänzerin zusammengezurrt in der Spiegelfolie kaum noch sie selbst und im Verschwinden begriffen. Starke aber auch brutale Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Dabei behält Sasha Waltz trotzdem eine künstlerische Distanz und bricht die erzählerischen Fragmente immer wieder mit abstraktem Tanz auf, der sich einmischt und auch das animalische, triebhafte des Menschen zum Vorschein bringt. Die fast zweistündige Choreografie "Kreatur" ist ein aufwühlendes Gesamtwerk und auch eine tiefschürfende Beobachtung des Menschen und seiner Ängste geworden. Ein gelungene Produktion von Sasha Waltz, die mit ihrer ersten Uraufführung in Berlin seit über einem Jahrzehnt eine deutliche Handschrift hinterlässt.

Weitere Themen in SWR2