Theater

Kosminski inszeniert Ibsens „Volksfeind“ in Stuttgart – Eindimensionale Allgemeinheit

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg

Das Staatsschauspiel Stuttgart eröffnet die neue Spielzeit mit dem Theaterklassiker „Der Volksfeind“ von Henrik Ibsen – dem Standardwerk schlechthin, wenn es um das Thema Demokratiegefährdung geht, die sich aus der Verwicklung von wirtschaftlichen Interessen mit politischem Handeln ergibt.

Audio herunterladen (4 MB | MP3)

Vergiftetes Heilwasser und eine saturierte Öko-Elite

Ganz schön verschlafen fängt es an, auf dieser indisch angehauchten Sitzkissen-Landschaft. Hier döst das Ehepaar Katrine und Tomas, die nach langer Abwesenheit wieder in ihren Heimatort, ins Kurbad, zurückgezogen sind. Tomas ist Wissenschaftler, Katerine will eine alternative Schule gründen und dann ist da noch Hovstad, der Chefredakteur der örtlichen Regionalzeitung: mit ihm führt das Paar eine offene Dreier-Beziehung.

Schnell wird deutlich: Wir haben es mit einer saturierten, bürgerlichen Öko-Elite zu tun. Es wird gekifft, geknutscht und gesoffen, man trägt Leinenhosen und Wollpullis und ist sich der eigenen Überzeugungen sicher. 

Katharina Hauter (Katrine Stockmann), Matthias Leja (Tomas Stockmann), Klaus Rodewald (Hovstad) (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter)
Eine gut situierte bürgerliche Gemeinschaft: Das Ehepaar Katrine (Katharina Hauter) und Tomas Stockmann (Matthias Leja) und Zeitungsmacher Hovstad (Klaus Rodewald). Pressestelle Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter

Vergiftetes Heilwasser im Kurbad

Doch Tomas hat herausgefunden, dass das Kurbad auf giftigem Grund steht, das Heilwasser ist verseucht. Ein Artikel in Hovstads Zeitung soll dazu erscheinen. Der Zeitungsmacher wittert die Gelegenheit, in der von Dummheit geprägten Regionalpolitik – so sieht er das – mal ordentlich aufzuräumen.  

Dem aufklärerischen Unterfangen kommen jedoch die realpolitischen Interessen von Tomas Bruder in die Quere, dem Bürgermeister der Stadt. Würde der Umweltskandal öffentlich, wären die Folgen katastrophal. Die Wahrheit wird deshalb von der Politik zur Lüge erklärt, zu einer Fehldarstellung. Als der Bürgermeister Druck auf die Zeitung ausübt, schlägt auch die sich urplötzlich auf die Seite der Politik. 

Ein Volksfeind (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter)
Nachdem Druck auf die Zeitung ausgeübt wird, wendet sich das Blatt und die öffentliche Meinung schlägt sich auf die Seite der Politik. Tomas versucht dies im Gespräch mit dem Verleger Aslaksen (Marco Massafra) und Hovstad zu verhindern. Pressestelle Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter

Vorhersehbare Handlung und eindimensionale Figuren

Tomas steht also als Aufwiegler und Volksfeind da, wird zum Risiko für die Gemeinschaft erklärt und muss um sein Leben fürchten. So einfach sich der Plot hier erzählen lässt, so eindimensional zurrt auch Regisseur Burkhard Kosminski den durchaus komplexeren Ibsen auf 90 Spielminuten und sechs Akteure zusammen.

Die Handlung wird so vorhersehbar, weil auch sonst alles nur auf das Allgemeine verweist. Große, mit Zeitungsartikeln bedruckte Banner, die im zweiten Teil den Raum der Bühne begrenzen, zeigen die Übermacht der Medien. Die Figuren sind exemplarisch angelegt und stehen wie Statthalter ihrer gesellschaftlichen Gruppe auf der Bühne herum.

Matthias Leja (Tomas Stockmann), Im Hintergrund: Marco Massafra (Aslaksen) und Klaus Rodewald (Hovstad) (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter)
Tomas ist zuletzt im Kurort als Aufwiegler und Volksfeind verschrien und muss um sein Leben fürchten. Pressestelle Schauspiel Stuttgart, Foto: Toni Suter

Dadurch entsteht eine Eindimensionalität, die eher an die bösewichtigen Intrigen einer Vorabendserie erinnert. Beinahe fahrlässig erscheint bei der Inszenierung, dass sie in ihrer unkonkreten Allgemeinheit am Ende nicht mehr zeigt, als die banale, aber immerhin nicht ungefährliche Narration zu bedienen, dass Politik korrupt ist, dass die Medien dieser Politik hörig sind und dass diejenigen, die dagegen aufbegehren, mundtot gemacht werden.

Zeitgenossen Burkhard C. Kosminski: „Autokraten greifen immer als erstes Kultur und Medien an“.

Wie kann attraktives Theater heute aussehen? Burkhard C. Kosminski lotet das seit 2018 als Intendant am Schauspiel Stuttgart aus. Mehrsprachige und spartenübergreifende Produktionen bereichern den Spielplan. Vor allem junges, aktuelles, zeitgenössisches Theater liegt ihm am Herzen  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Stuttgart

Bühne „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ am Schauspiel Stuttgart: Verfall der Sitten in unsicherer Zeiten

Mit „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ zeigt das Schauspiel Stuttgart ein satirisches Epochengemälde der Weimarer Republik — mit deutlichen Bezügen zu heute. Erich Kästners wollte mit seinem Roman „vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherte“. Als rasante Revue bringt der ungarische Regisseur Viktor Bodó das Stück auf die Bühne. Und mahnt vor einem Abdriften des noch größtenteils demokratischen Europas.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Bühne Nachdenken über Kriegstraumata: „Verbrennungen“ am Schauspiel Stuttgart

Intendant Burkhard Kosminski verlegt das Geschehen in den Libanon. „Verbrennungen“ ist eine ergreifende Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs. Dabei kehrt ein Zwillingspaar, in die Heimat seiner von dort geflüchteten Mutter zurück und sucht nach den familiären Wurzeln. Folter, Terroranschläge und Flucht – sie wirken bis in die nächste Generation hinein. Ein fordernder Abend mit Anleihen an die griechische Tragödie. Die knapp dreistündige Inszenierung überzeugt größtenteils mit guten schauspielerischen Leistungen. Das Ganze kommt aber erst in der zweiten Hälfte richtig in Fahrt. Am Ende steht die Frage, wie sich die Weitergabe von Kriegstraumata verhindern lässt.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg