Konstantin Küspert beim Festival "Future of Europe" in Stuttgart Europa verteidigen

Am 11.6.2018 von Daniel Stender

„The Future of Europe“ – nichts Geringeres hat das Schauspielhaus Stuttgart für eine halbe Woche in einem Festival untersucht. Eingeladen waren Theatermacher aus Griechenland, Katalonien, Frankreich, Italien, aus der Ukraine und Deutschland. Am Wochenende wurden das Stück „Europa verteidigen“ und „6 mal 20“ aufgeführt, ein Parforceritt, bei dem Theatermacher aus ganz Europa sechs kurze Stücke zum Thema zeigten.

Europa: Mythos oder Normgurkenverordnung?

Sucht man den Begriff „Europa“ bei Wikipedia, dann findet man dort ganz oben, kurz nach der Begriffsbestimmung: einen Stier, eine junge Frau, eine Entführung. Es folgen unzählige Kriege, und weiter unten dann: die römischen Verträge, Schengen, Maastricht, Brüssel, Mitterand und Kohl, der Euro, die Krise.

Mythos oder Normgurkenverordnung: Der Stier, der mit der jungen Europa auf dem Rücken übers Meer schwimmt – der macht mehr her – entsprechend entscheiden sich die meisten Theatermacher bei dem Festival „The Future of Europe“ für den Mythos.

Szene aus "europa verteidigen" von Konstantin Küspert (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein)
Europa als Verhandlungssache, zwischen Mythos und Normgurkenverordnung: Viktoria Miknevich, Michael Stiller, Milan Gather, Caroline Junghanns und Gabriele Hintermaier. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein

Es ist so einfach, gegen Europa Stimmung zu machen

So macht das auch Konstantin Küspert in seinem hervorragenden Stück „Europa verteidigen“: „Diese ganze Debatte über diese Gurkenkrümmungsgeschichten, wo man so schön am Stammtisch sagen kann: ,Das ist ja ein Wahnsinn, was sich diese Leute in Brüssel da ausdenken, das ist ja weltfremd!'“ erklärt der Autor und Regisseur.

Und weiter: „Das wird befeuert von nationalen Politikern, wie die CSU in Bayern, die jahrzehntelang Stimmung gegen die EU gemacht haben, um ihre Wähler an sich zu binden. Man kann immer so schön auf die EU schimpfen, dabei vergisst man, dass es eigentlich eine Win-win-Situation für alle ist.“

Konstantin Küspert (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Roland Weihrauch)
Konstantin Küspert picture-alliance / dpa - Roland Weihrauch

Griechisches Nationaltheater: Flüchtlingsbilder und Schweigen zu Europa

Auch das Teatre Nacional de Catalunya bringt die Geschichte von Europa und dem Stier auf die Bühne - als alberne Attrappe zum Bullenreiten. Das Nationaltheater Griechenlands hingegen setzt auf die eigenen mythischen Ursprünge, auf Herodots Erzählung vom zerstörten Milet, was wiederum mit Flüchtlings-Interviews verknüpft wird. Während bei den Katalanen noch ein fröhliches Erasmus-Sprachen-Kauderwelsch inszeniert wird, herrscht bei den Griechen weitgehend Schweigen.

Sie stecken sich große Steine in den Mund, streuen Sand auf der Bühne aus und stellen ein Foto nach. Das Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan, an einem türkischen Strand liegend, eine fast schon vergessene Ikone des Mitleids aus dem Herbst 2015.

Szene aus "europa verteidigen" von Konstantin Küspert (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein)
Europa verteidigen, trotz aller Fehler. Gabriele Hintermaier, Michael Stiller, Milan Gather, Viktoria Miknevich und Caroline Junghanns. Schauspiel Stuttgart - Foto: Björn Klein

Wenig Wut auf Deutschland - Sind die anderen zu höflich?

Was fehlt: die Geschichten vom Ankommen, von den Mühen und Problemen der Integration. Was auch fehlt – sind die anderen Europäer zu höflich? – ist die Wut auf den Gastgeber. Also, auf Deutschland.

Immerhin, Konstantin Küspert kritisiert in seinem Stück die Vorstellung von der Verteidigung Europas – als Gedankenfigur, die Küspert schon bei Römer, Wikinger, Kreuzfahrer und eben Deutsche entdeckt haben will. Verteidigen heißt bei ihm auch: angreifen, erobern, unterwerfen.

Europäische Identität - nur eine Chiffre für Expansion?

Konstantin Küspert: „Diese ganzen Vorstellungen von einer europäischen Identität, dieser Gedanke, dass wir Europa schützen müssen, diese ganzen Mittelmeerpatrouillen, Frontex, das Schließen der Balkanroute, oder auch unsere Werte schützen - das alles steht in Wirklichkeit in einer Kontinuität europäischer Expansionsvorgänge.“

Permanenter Kriegszustand: das hat die EU beendet

Gleichzeitig – und das ist einer der Widersprüche, die aufkommen, sobald über Europa gesprochen wird – sind es angesichts von Populismus und Brexit gerade Menschen wie Konstantin Küspert, die Europa verteidigen. „Wie Anna Seghers schreibt: Dies ist der Boden, in dem die Geschosse des aktuellen Krieges die des vorherigen aus dem Boden wühlen. Der permanente Kriegszustand als europäische Normalität: das hat die EU beendet. Das ist etwas, was wir unbedingt verteidigen müssten mit Zähnen und Klauen, unsere friedliche Errungenschaft verteidigen, bei all den Fehlern, die sie hat.“

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