Letzte Spielzeit von Christoph Nix am Theater Konstanz (Vorerst) letzter Lärm um Nix

Kommentar von Susanne Kaufmann

Eine Spielzeit noch ist Christoph Nix Theaterintendant in Konstanz. Ein Jahr, in dem sich wenig ändern dürfte am angespannten Verhältnis zwischen ihm und seiner Stadt. International in die Schlagzeilen geraten war das Theater im April durch die Premiere des Tabori-Stücks „Mein Kampf“ – ausgerechnet an Hitlers Geburtstag. Der Ärger darüber hält in Konstanz an, und nun werden auch erste Premieren der neuen Spielzeit von kulturpolitischen Entwicklungen überschattet.

Fast besser als jedes Theaterstück: die Kulturpolitik von Konstanz

Die Konstanzer Kulturpolitik, so könnte man fast meinen, ist besser als jedes Theaterstück. Die Hauptperson: Intendant Christoph Nix. Sein Gegenspieler: der Konstanzer Kulturbürgermeister Andreas Osner.

Nach der von vielen als Skandal gescholtenen „Mein Kampf“-Premiere, über die sogar die New York Times berichteten, beauftragte er eine große Medienanalyse, um den Schaden für die Stadt und das Theater zu ermessen. Zum Beginn der neuen Spielzeit wurde dieses Gutachten nun im Kulturausschuss präsentiert.

Susanne Kaufmann (Foto: SWR, SWR -)
Susanne Kaufmann SWR -

Gutachten: "nennenswerter Reputationsschaden" für die Stadt

Das Fazit: Es sei „ein nennenswerter Reputationsschaden“ entstanden, der durch die hohe Anzahl an Online-Berichten lange bestehen bleiben werde.

Zeitgleich auf einer anderen Bühne: Auftritt Christoph Nix. Diesmal nicht als Theaterintendant, sondern als Pflichtverteidiger in einem Strafprozess am Amtsgericht. Als „Armenanwalt“, wie er selber sagt, der „einfache Diebe oder Räuber“ gegen eine sehr geringe Gebühr vertritt.

Ein Intendant als Armenanwalt

Nix sagt darüber: „Eben das ganz normale Elend wie in der Dreigroschenoper, mit dem sich eine Gesellschaft auseinander zu setzen hat.“ Nur zweimal, meint der Theatermacher, sei er seit Beginn seiner Intendantentätigkeit in Konstanz überhaupt als Pflichtverteidiger tätig gewesen, und hohe Honorare habe er nie kassiert.

Ein Engagement also, das sich im Rahmen hält und das dem habilitierten Juristen doch ermöglicht, die Dramen des realen Lebens aus persönlicher Anschauung zu erleben.

Nützlicher Störenfried - lästiger Störenfried

Nix ist ein politischer Theaterintendant – und als solcher immer auch ein Störenfried. Man könnte sagen: einer von der Sorte, die unsere Gesellschaft braucht, um von Zeit zu Zeit mal wachgerüttelt zu werden.

Er engagiert sich sehr und ließ es sich darum nicht nehmen, bei der ersten Premiere dieser Spielzeit selbst Regie zu führen.

Programmatische Auftaktpremieren

Eine klassische Inszenierung von Samuel Becketts „Warten auf Godot: starkes Schauspielertheater ohne direkte politische Bezüge. Das Thema – die Vereinzelung des Individuums – passt in unsere Zeit.

Auch die anderen Konstanzer Auftaktpremieren sind programmatisch. In Singen wird „Die Reis“ gezeigt, ein Schauspiel von Gerd Zahner, Autor und Rechtsanwalt aus Konstanz, in dem es um die Ausgrenzung der Volksgruppe der Jenischen geht.

Es gibt Leute, denen Christoph Nix zu laut ist

Eine weitere Premiere setzt sich auseinander mit Fragen der Migration. Und nicht genug der aktuellen Fragen: im „Hundeherz“ von Michail Bulgakow thematisiert Christoph Nix die Schweigsamkeit der Intellektuellen.

In Konstanz gibt es Leute, denen der Intendant zu laut ist. Als er im Amtsgericht jüngst seinen Auftritt als Pflichtverteidiger hatte, versuchte die Stadtverwaltung nach seinen Angaben, ihm anschließend die Zulassung als Anwalt entziehen zu lassen, über die zuständige Rechtsanwaltskammer in Freiburg.

Aus der Generalprobe in den Gemeinderat gerufen

Im Hintergrund steht offenbar die Frage, ob der habilitierte Jurist Prof. Dr. Dr. Christoph Nix sich seine Nebentätigkeit genehmigen ließ. Er sagt, er habe sie ordnungsgemäß angezeigt, das habe gereicht. Stadt und Anwaltskammer wollen sich zu diesem Durcheinander gegenüber dem SWR nicht äußern.

Damit hat das Theater um das Theater am Bodensee nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Tag vor seiner Premiere wurde Nix aus der Generalprobe heraus in den Gemeinderat berufen.

Freistellung für Termine vor Gericht

Hier wurde aus dem Absurden Theater dann eine Farce: Wie Nix berichtet, stellte sich die überwiegende Mehrheit des Gemeinderates hinter ihn und wies die Verwaltung auf diese Weise letztlich an, ihm die Freistellung für Auftritte vor Gericht zu geben, die man ohnehin an einer Hand abzählen könne.

Nix wertet dies zu Recht als Sieg der Demokratie. Und die Konstanzer Theatergemeinde steht hinter ihm. Noch diese Spielzeit. Dann geht Christoph Nix, und eine neue Intendantin kommt.

Noch manche Vorstellung bis zum Ende der Ära Nix

Vermutlich wird es künftig also ruhiger werden am See. Doch bis zum nächsten Sommer, so bleibt geradezu zu hoffen, wird der streitbare Christoph Nix uns noch die ein oder andere interessante Vorstellung bescheren.

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