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„Königin Lear“ am Hessischen Staatstheater Darmstadt: Interessantes Experiment

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Aus Shakespeares „König Lear“ wird eine Firmenchefin von heute – aus den Königstöchtern Bürgersöhne, die sich den Konzern der Mutter aufteilen. Das Staatstheater Darmstadt setzte die Klassiker-Bearbeitung des Belgiers Tom Lanoye nun auf den Spielplan, weil Angela Merkel von der Bühne der Macht abtritt — wie auch die Elisabeth Lear im Stück. Doch auch wenn der Vergleich „Königin Lear“ mit der Kanzlerin hinkt, ist es ein interessantes Bühnenexperiment.

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Ein klassisches Shakespeare-Stück im modernen Gewand

Die Welt der alten Konzernlenkerin zerbricht. Sie selbst wird zunehmend dement, auch deshalb teilt sie ihr Wirtschaftsimperium unten den Söhnen auf, von denen zwei im Kampf um Macht und Geld von ehrgeizigen Ehefrauen angefeuert werden.

Der Dritte ist der Gute – doch das kann Königin Lear nicht mehr erkennen, sie verstößt ihn. Er geht in ein Land des globalen Südens und versucht mit der Vergabe von Mikrokrediten, die Welt des Finanzkapitals ein wenig besser zu machen — beargwöhnt von der Mutter und beinahe allen anderen in der Familie.

Szene aus „Königin Lear“ am Hessischen Staatstheater Darmstadt (Foto: Pressestelle, Thorsten Wulff)
V.l.n.r.: Hubert Schlemmer, Béla Milan Uhrlau, Edda Wiersch, Anabel Möbius Pressestelle Thorsten Wulff

Multimediales Spektakel zur Zeitenwende

Der gute Sohn wird scheitern und in der zweiten Hälfte des Stückes wieder in die Firmenzentrale zurückkommen. aber da ohnehin die alte gesamte Weltordnung ins Wanken gerät, ist das fast nur eine Fußnote im Zerfallsdrama, das Gustav Rueb in Darmstadt mit Schlagzeug-Dauerbeschallung als multimediales Spektakel inszeniert.

„Natürlich ist auch nicht ganz zufällig, dass wir das so ungefähr da jetzt auch programmiert haben im Spielplan, wo eben auch die Zeit der Kanzlerin Merkel zu Ende geht“, sagt Rueb. Eine Art Umbruch, eine Art von Zeitenwende sieht er momentan — was auch an der Corona-Krise läge: „Wohin, weiß ich auch nicht. Aber ich bin relativ sicher, dass wir das irgendwann mal so begreifen werden, dass da sich wirklich etwas verändert hat.“

Merkel-Vergleich überzeugt nicht, aber...

Doch um es ganz klar zu sagen: der Vergleich der Königin Lear mit Angela Merkel hinkt! Das wird vor allem in leider etwas raren Passagen im Stück deutlich, in dem Shakespeares Sprachgewalt ihr Echo in der modernen Bearbeitung des klassischen Stoffes findet.

Mehr noch als um Umbrüche in Politik und Wirtschaft geht es im Stück um eine ganz persönliche Veränderung, die in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen betrifft – die Erfahrung mit Demenz. Die immer vergesslicher werdende Elisabeth Lear kämpft mit Hilfe ihrer Pflegerin Olga auch darum, nicht von ihren Kindern in ein Heim gesteckt zu werden.

...gesellschaftliche Dimension ist brilliant

Die beiden Frauen fliehen – begleitet von der Live-Videokamera — auf den nasskalten Theaterhof, der mit Feuern in Ölfässern und Blechcontainern im zweiten Teil des Stückes zum Teil der Endzeitkulisse wird, die die Darmstädter Bühnenbauer eindrucksvoll kreieren.

Für Menschen mit Hörbeeinträchtigung besonders geeignet

Eine Darmstädter Besonderheit: Gustav Rueb integriert in das Stück eine Gebärdendolmetscherin, die in der Rolle der Olga auch schauspielerisch eine zentrale Rolle einnimmt: „Diese Gebärden, was die für ein theatrales Potenzial haben können und wie die auch in eine Bewegung übergehen können und dass das, was Lear schaffen muss, nämlich eine wirkliche Sprache des Herzens zu finden, dass die Gebärden ihr auch helfen.“

Und das gelingt eindrucksvoll! Auch solche Bühnenexperimente machen die Königin Lear in Darmstadt zu einem sehenswerten Spektakel!

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