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Wenn stimmt, was beklagt und berichtet wird, dann hat auch Shermin Langhoff ihre Macht missbraucht, psychische Gewalt ausgeübt und womöglich auch gegen arbeitsrechtliche Standards verstoßen. Aber auch die Politik ist in der Verantwortung, der es eigentlich unbedingt darum gehen müsste, das große Projekt Gorki vor weiterem Schaden zu bewahren. Ein Kommentar von Janis El-Bira.

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Menschliche Fehlbarkeit — auch am Theater

Dass am Theater zwar oft besondere, aber nicht unbedingt bessere Menschen arbeiten, das sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.

Intendanten, die weder An- noch Abstand wahren, Regisseure, die nicht eingreifen, wenn sich auf ihren Proben rassistische Übergriffe ereignen – und drumherum eine Kultur des Duckmäusertums, das sich lange in Schweigen hüllte. Aus Angst um den eigenen Job, das nächste Engagement, den nächsten Karriereschritt.

Nein, es steht nicht gut um das Ansehen der Theater und manche Kreise fühlen sich direkt bestätigt in ihrem Ressentiment, dass es im „links-grün versifften“ Kulturbetrieb sowieso drunter und drüber gehe.

Shermin Langhoff hat das Theater geprägt

Auch die nun in der Kritik stehende Gorki-Chefin Shermin Langhoff ist ein besonderer Theatermensch. Ihre Intendanz hat die Stadttheater-Landschaft nicht allein äshetisch geprägt wie wenige sonst in den vergangenen 20 Jahren.

Viel mehr noch hat sie jenen eine Stimme gegeben, die bis dato nicht vorkamen auf deutschsprachigen Bühnen. Den PoCs, den Roma, den „Menschen mit Migrationshintergrund“, den Nicht-Binären, Nicht-Identischen, Nicht-Einverstandenen.

Feindbild für manche Kreise

Das allein hat Langhoff schon vor den jetzt bekannt gewordenen Klagen über ihren Führungsstil zur Lieblingsfeindin jener gemacht, deren Schadenfreude sich nun nicht allein in den sozialen Medien ergießt.

Dennoch, und um es ganz klar zu sagen: Wenn stimmt, was beklagt und berichtet wird, dann hat auch Shermin Langhoff ihre Macht missbraucht, psychische Gewalt ausgeübt und womöglich auch gegen arbeitsrechtliche Standards verstoßen.

Machtmissbrauch muss geahndet werden

Letzteres wird nun das Schiedsgericht klären müssen, aber auch die Vorwürfe unterhalb des Justiziablen sollten nicht ohne Konsequenzen bleiben. Wie diese aussehen könnten, müssen jedoch die Beteiligten aller Ebenen unter sich ausmachen.

Und gerade hier ist auch die Politik in der Verantwortung, der es eigentlich unbedingt darum gehen müsste, das große Projekt Gorki vor weiterem Schaden zu bewahren.

Politik hat Tatsachen geschaffen

Stattdessen hat sich die Berliner Verwaltung unter Kultursenator Klaus Lederer für das Schaffen von Tatsachen entschieden und den Vertrag mit Langhoff bei kochendem Konfliktherd eilig und bemerkenswert unauffällig bis 2026 verlängert.

Zu groß schien die Angst, mit einer öffentlich angezählten Intendantin auch ein Aushängeschild der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu demontieren. Aber mit diesem Versuch, das Bild vom Mustertheater um jeden Preis sauber zu halten, hat man niemandem einen Gefallen getan: Weder dem Ansehen der politischen Kontrollinstanzen, noch Shermin Langhoff oder dem Gorki selbst.

Übermenschliches Projekt

Überhaupt: Hier ist eine Chance vertan worden, den „Mythos Gorki“ der Wirklichkeit anzunähern. Offen zu zeigen, dass an einem Haus nicht alles reibungslos laufen muss, nur weil es diverser aufgestellt ist. Schließlich arbeiten hier Menschen mit all ihren Stärken, aber eben auch Schwächen an einem Projekt, das wahrscheinlich größer ist als sie selbst. Größer auch als die Intendantin.

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