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INTERVIEW

Immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Badischen Staatstheaters melden sich zu Wort im Streit um den Führungsstil des dortigen Generalintendanten Peter Spuhler. Vor gut einer Woche hatten sich drei Operndramaturgen, die das Haus verlassen, öffentlich zu ihren Gründen geäußert und schwere Vorwürfe gegen Peter Spuhler erhoben. Er verbreite ein „Klima der Angst“, würde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter terrorisieren und weit über ihre Belastungsgrenze hinausdrängen. SWR Kulturkorrespondentin Marie-Dominique Wetzel berichtet von ihren Recherchen.

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Am 6. Juli haben Kunstministerin Theresia Bauer und der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup eine gemeinsame Erklärung zu den Vorwürfen veröffentlicht.

Alle warten darauf, dass sich endlich die zuständige Kunstministerin in Baden-Württemberg, Theresia Bauer, zu den Vorwürfen gegen Peter Spuhler äußert. Bisher wollte sie dazu keine Auskunft geben, allerdings hat sich der Druck in den letzten Tagen nochmal deutlich erhöht.

Nicht zuletzt durch einen Offenen Brief des Personalrats des Badischen Staatstheaters vom Freitag, über den wir ja auch bereits berichtet haben. Darin macht der Personalrat deutlich, dass es sich bei den Vorwürfen, die die drei scheidenden Operndramaturgen geschildert haben, keinesfalls um Einzelfälle handele.

Peter Spuhler selbst wollte sich bisher übrigens auch nicht dazu äußern. Wir haben ihn gestern nochmal kontaktiert, weil wir es wichtig finden, auch seine Sicht der Dinge zu hören, aber er hat uns mitgeteilt, dass er erst am Mittwoch vor der Personalvollversammlung sprechen wird und sich vorher nicht öffentlich äußern möchte.

Wie beschreibt der Personalrat das Verhalten des Generalintendanten?

Ich habe ausführliche Gespräche mit der Personalratsvorsitzenden Barbara Kistner geführt und sie hat mir berichtet, dass seit Jahren regelmäßig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem aus dem künstlerischen Bereich, verzweifelt zu ihr kommen, weil sie am Ende ihrer Kräfte seien. Sie würden unter seinem „Kontrollzwang“, seinem „beständigen Misstrauen“, seinen „cholerischen Ausfällen“ und dem enormen Arbeitsdruck leiden.

Außerdem habe er sich regelmäßig bei Sitzungen Einzelne rausgegriffen und vor allen anderen fertig gemacht. All das haben mir zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in persönlichen Gesprächen bestätigt. Der Personalrat schreibt in seinem Offenen Brief davon, dass das für die Betroffenen nicht selten im Burn-out geendet habe.

Man fragt sich: Wie können solche Missstände über Jahre unter der Decke gehalten werden?

Zuerst einmal: Theater sind relativ geschlossene Systeme und die sind leider immer besonders anfällig. Hinzu kommt: die deutschsprachige Theaterszene ist relativ klein, man kennt sich. Die Menschen hatten also die berechtigte Sorge, dass, wenn sie auspacken, sie nirgendwo mehr einen Job bekommen, weil sie als „Nestbeschmutzer“ gelten.

Dennoch gab es immer wieder Gerüchte, die nach außen gedrungen sind, aber bisher hatte eben niemand den Mut, mit seinem Namen an die Öffentlichkeit zu gehen oder den Personalrat zu bemächtigen, tätig zu werden.

Schwer zu verstehen, warum sich dann überhaupt noch jemand an dieses Haus bewirbt?

Tja, man muß eben auch sehen, dass das Badische Staatstheater in künstlerischer Hinsicht unter der Leitung von Peter Spuhler bundesweit an Bedeutung gewonnen hat und immer wieder mit guten Produktionen auf sich aufmerksam macht.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mir berichtet, dass sie als sie an das Badische Staatstheater kamen, zwar von den Gerüchten um Peter Spuhler gehört hätten, aber gedacht hätten: so schlimm werde es schon nicht sein, bzw. sie würden das schon aushalten können. Was sich dann aber, ihrer Darstellung nach, als Trugschluss herausstellte.

Hinzu kommt, dass die meisten Menschen, die am Theater arbeiten, gewohnt sind große Opferbereitschaft mitbringen zu müssen. Überstunden en masse sind leider absolut normal – von der schlechten Bezahlung vor allem im künstlerischen Bereich und den Einjahresverträgen ganz zu schweigen.

In den letzten Jahren haben ja dauernd Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Haus verlassen. Das muss doch auch stutzig gemacht haben?

Die Fluktuation war auch für ein Theater auffällig hoch, aber Peter Spuhler hat in dem Zusammenhang immer darauf hingewiesen, dass Karlsruhe eben ein gutes Karrieresprungbrett sei. Und manche sind auch tatsächlich gegangen und haben dann ein gutes Engagement woanders bekommen. Was aber auch nicht automatisch heißt, dass sie nicht vielleicht unter anderen Umständen gerne geblieben wären.

Doch: viele sind gegangen, obwohl sie kein Anschlussengagement gehabt haben – so wie zum Beispiel zwei der drei Operndramaturgen, die jetzt die Vorwürfe erstmals öffentlich gemacht und dadurch den Stein ins Rollen gebracht haben.

Man kann sich schon fragen: wie groß muss der Leidensdruck sein, dass man eine Stelle an einem Staatstheater aufgibt, um in eine ungewisse Zukunft zu gehen – gerade in diesen Zeiten, die für die Kulturszene extrem unsicher und schwierig sind!

Haben da nicht auch die verantwortlichen Träger des Theaters versagt?

Der Personalrat schildert in seinem Offenen Brief, dass er immer wieder versucht habe, an die Verantwortlichen heranzutreten und auf die Missstände hinzuweisen. Im März 2018 stellte der Personalrat auf einer Verwaltungsratssitzung die teils alarmierenden Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung zur Arbeitszufriedenheit vor. Der Personalrat schreibt dazu in seinem Offenen Brief:

„Die Reaktionen der Verwaltungsräte beschränkten sich hier allerdings auf die Bemängelung etwaiger formaler Fehler beim Erstellen dieser Umfrage. Eine Diskussion über den Kern der Sache war offenbar nicht erwünscht und kam somit auch nicht zu Stande.“ 

Offener Brief des Personalrats

Auch 2019 blieb ein Termin im zuständigen Ministerium gemeinsam mit dem Orchestervorstand, laut Personalrat, folgenlos. Peter Spuhlers Vertrag als Generalintendant wurde im letzten Jahr übrigens bis ins Jahr 2026 verlängert.

Wie geht es jetzt weiter?

Am Mittwoch ist Personalvollversammlung am Badischen Staatstheater und Peter Spuhler sagte uns, er werde sich dort an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden. Am 17. Juli ist dann Verwaltungsratssitzung.

Oberbürgermeister Frank Mentrup betonte am Freitag gegenüber SWR2, man werde aber davor schon das Gespräch mit dem Personalrat suchen und wandte sich strikt gegen eine „Generalverurteilung“ von Peter Spuhler. Nur aus dem Ministerium war in dieser Angelegenheit bisher noch gar nichts zu hören.
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