Theatertage Rheinland-Pfalz 2022

Kathrin Röggla erhält den Else Lasker-Schüler-Preis 2022 — Theater als Ort der sozialen Selbstbefragung

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AUTOR/IN
Hannegret Kullmann

Die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla gilt „als hellwache Beobachterin unserer Gegenwart“. Die 50-Jährige schreibt Prosa, Hörspiele und Theaterstücke. Nun wird sie bei den Theatertagen Rheinland-Pfalz mit dem Else Lasker-Schüler-Dramatikpreis 2022 ausgezeichnet.

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Die Autorin lotet Tabuzonen und soziale Schmerzpunkte aus

„Wie werden wir zu dem gemacht, was wir zu sein glauben?“ — das ist eine der Hauptfragen der Schriftstellerin Kathrin Röggla. In ihren Texten liefert sie immer wieder aktuelle Gesellschaftsanalysen. Dabei versteht sie das Theater als Medium zur sozialen Selbstbefragung: „Theater ist ein Ort, wo Komplexität auf eine gute Art und Weise reduziert oder auf den Punkt gebracht werden kann.“

Wenn man mit Kathrin Röggla über ihre Arbeit als Autorin spricht, könnte man meinen, man sei bei einer Ärztin oder Therapeutin: Wo gibt es Tabus, wo tut es weh und wo kann man piksen? In ihren Dramen und Hörspielen beschäftigt sie sich konsequent mit den wunden Punkten unseres sozialen Miteinanders. Sie lenkt den Blick auf die Opfer der Mediengesellschaft, auf die Selbstausbeutung in der modernen Berufswelt oder den bürgerlichen Optimierungswahn beim „Kinderkriegen”, so auch der Titel ihres Stücks.

Raus aus der Schreibstube!

Als Mainzer Stadtschreiberin 2012 recherchierte sie im Rhein-Main-Gebiet zum Thema Fluglärm und machte daraus das Drama „Der Lärmkrieg“. Von Anfang an gehörte der gesellschaftliche Auftrag zu ihrem Selbstverständnis als Autorin — sie habe Schreiben nie als einen Prozess des einsamen Sitzens in einem einsamen Kämmerchen verstanden, sondern auch immer in einem kulturpolitischen Zusammenhang. „Da hab ich auch gemerkt, dass man gemeinsam um Dinge kämpfen muss“, so Röggla.

Platz 5 (-) 27 Punkte Kathrin Röggla: Nachtsendung

Röggla zeichnet den konkreten deutschen Alltag detailgetreu auf. Die Figuren in ihren Prosaminiaturen sind weniger Handelnde als in irgendwelche Situationen Hineingestellte.

Auch darauf schauen, was besser wird

Deshalb engagiert sie sich als Vizepräsidentin der Berliner Akademie der Künste. Oder veröffentlicht Artikel, in denen sie sich gegen Rechtspopulismus und für Kunstfreiheit einsetzt. Seit 2020 ist Kathrin Röggla Professorin für literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln, wo sie mittlerweile auch lebt. Gemeinsam mit dem Kölner Schauspiel veranstaltet sie ein eigenes Gesprächsformat.

Dazu lädt sie Menschen ein, die sich gesellschaftlich einbringen: „Man ist als Schriftstellerin ja immer so ein bisschen in einer kritischen Haltung und bewertet vielleicht oder urteilt über Dinge. Und in den letzten Jahren war es mir wichtig, immer mehr zu sehen, was konstruktiv passiert oder wie man Dinge tatsächlich ändern kann.“

Ausgezeichnet mit dem Else Lasker-Schüler-Dramatikpreis 2022

Der Else Lasker-Schüler-Preis 2022 kommt für Kathrin Röggla genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn aufgrund der Pandemie war es um sie als Theaterautorin in den vergangenen zwei Jahren recht still geworden. Nun aber stehen Anfang April zwei Uraufführungen an.

Das Staatsschauspiel Dresden inszeniert ihr neues Drama „Das Wasser“, in dem sie sich erstmals mit der Klimakrise auseinandersetzt — die Wassernot in Ostdeutschland, kontrastiert mit den Überflutungen in ihrer rheinischen Heimat: „Es ist tatsächlich das Wasser als das heikelste Moment in Fragen der Klimakrise, das wir gesellschaftlich diskutieren. Es ist der Versuch, in sehr großen Bildern unterschiedliche Momente aufzufangen.“

Neue Stücke werden bald uraufgeführt

Ihr zweites neues Stück wird am Staatstheater Saarbrücken gezeigt: Es handelt vom NSU und vom neuen Rechtsradikalismus. Zum selben Thema schreibt Kathrin Röggla auch an einem Roman, der in diesem Jahr fertig werden soll. Die Liste ihrer Veröffentlichungen ist lang, ihre Produktivität beeindruckend. Das Schreiben sei für sie eine Notwendigkeit, sagt Kathrin Röggla, und der Alltag liefert ihr immer wieder neuen Stoff.

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