Mathias Tretter über Kabarett zum Jahresende 2018 Shitstorm abwarten und Bier trinken

Polemik ohne Predigt, kurz: Pop - das ist das Programm des Kabarettisten Mathias Tretter. Deshalb will er in SWR2 kurz vor Jahresende auch keine politische Bilanz ziehen, nicht den Zeigefinger heben, sondern räsonieren - vor allem über den geballten Nachrichtenmüll, der jede sinnvolle Debatte unmöglich zu machen drohe.

"Viel war nicht. Einfach weil man so viel gehört hat"

Einen politischen oder gesellschaftlichen Jahresrückblick formulieren? Das wichtigste Ereignis des Jahres identifizieren und kabarettistisch aufspießen? Das findet Mathias Tretter so gut wie unmöglich in Zeiten eines permanenten Nachrichten-Überschusses.

Der Inhalt versinke in der Form, bilanziert der Kabarettist. "Man hört jeden Tag so viel, dass die Erinnerung einfach auf Overload geht und am Ende des Jahres das Gefühl da ist: Viel war nicht. Einfach weil man so viel gehört hat."

"Es ist viel rauer, viel stilloser geworden"

Seine Strategie auf der Bühne: Sich nicht selbst überhöhen. Keine Politiker madig machen - das interessiere ihn künstlerisch überhaupt nicht. Sondern auf die Meta-Ebene gehen, darüber sprechen, dass man über nichts mehr richtig sprechen kann. Und das zugleich in einem unerfreulichen Umfeld. "Es ist sehr viel rauer, sehr viel stilloser geworden", meint Tretter mit Blick auf die Öffentlichkeit in digitalen Zeiten.

Keine Abiturscherze wie vom "Verein für politische Schönheit"

Falsch sei es, Populisten wie US-Präsident Donald Trump mit den eigenen Mitteln bekämpfen zu wollen. Abiturscherz-Aktionen wie die Holocaust-Mahnmal-Stelen vor der Haustür von Björn Höcke halte er für völlig falsch, sagt Mathias Tretter mit Blick auf die Aktion des "Vereins für politische Schönheit". Das spiele den Populisten nur in die Hände. "Man sollte sich zurückziehen auf das, was man hat, nämlich einen - bislang - zivilisierten demokratischen Diskurs, im weitesten Sinne zumindest."

Alle glotzen aufs Smartphone: wäre vor 20 Jahren eine Dystopie gewesen

Dass seriöse Medien heute Twitter-Meldungen von Politikern zitierten, finde er deshalb erbärmlich. Wenn ihm jemand vor 20 Jahren prophezeit hätte, dass in der Straßenbahn heute fast jeder vor sich in einen Bildschirm starre und nicht ansprechbar sei, so Tretter, hätte er gesagt, dass es sich um eine Dystopie handele, die niemals wahr werden könne.

"Ich freue mich sehr über Shitstorms"

Hass und Häme lässt er nicht an sich abprallen, sondern nimmt sie nicht zur Kenntnis. "Ich freue mich sehr über Shitstorms, denn allein der Gedanke, dass ich Leuten so viel bedeute, dass sief wegen mir eine Adrenalinausschüttung vor dem Bildschirm bekommen, halte ich schon für eine große Respektsbezeugung", meint Mathias Tretter ironisch.

"Und wenn ich mir dann vorstelle, dass sie stundenlang an irgendwelchen Beschimpfungen formulieren und ich sitze irgendwo, trinke Bier, unterhalte mich mit Freunden, grinse und werde es niemals lesen, da ich Kommentare grundsätzlich nicht lese im Internet, dann freue ich mich schon sehr daran."

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