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Juliette Binoche spielt "Antigone" Umjubelte Premiere

Kulturthema am 26.2.2015 von Michael Laages

Juliette Binoche, die französische Schauspielerin, hat mindestens zwei Karrieren – weltweit bekannt ist sie durch das Kino, aber begonnen hat sie im Theater. Und seit bald 20 Jahren spielt sie regelmäßig auf Londoner Bühnen. Jetzt hat sie sich einer Neufassung der antiken "Antigone" verschrieben. Die Inszenierung des belgischen Regisseurs Ivo van Hove, Chef der "Toneelgroep" in Amsterdam, hatte gestern in Luxemburg Premiere. Luxemburg? Das "Grand Theatre" dort ist Koproduktionspartner für das Barbican-Centre in London und die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Dort ist Juliette Binoche als "Antigone" im Mai zu sehen, gestern in Luxemburg.

Auch einer internationalen Film-Größe von einigem Rang legt das Theater nicht den roten Teppich aus … der Kino-Star muss ja gleich spielen, live auf der Bühne. Und wenn der Weltstar Glück hat, spielt drum herum ein starkes, homogenes Ensemble und keiner denkt an Prominenz und Privilegien. Und schon das Stück sorgt in diesem speziellen Fall dafür, dass der Abend nicht zum Showcase für Juliette Binoche verkommt. Antigone ist Solo-Heldin, sie ist (nur!) der Auslöser für ein Familien- und Polit-Drama für schmerzhafter Ausweglosigkeit.

Das Stück ist eine Schlacht der Worte und braucht gerade darum starke Bilder. Das letzte ist grandios. Da ist die Welt gerade untergangen für Kreon, diesen antik-archaischen Monster-Potentaten mit der angemaßten Macht, Gattin, Sohn und Schwiegertochter sind tot, alle gestorben von eigener Hand, aber wie auf seinen Befehl. Nun versteht er, wie fürchterlich falsch er gewütet hat und will nicht mehr. Irgendwer soll ihn wegholen aus Theben, und sei es der Tod – aber das geht nicht. Um ihn herum beginnt das "business as usual". Der Chor der Subalternen nimmt die Arbeit wieder auf an den Schreibtischen der Macht und zur ziemlich apokalyptischeltn Musik von Lou Reed verwandelt sich die große Projektionswand, die Jan Versweyfeld hinter Ivo van Hoves Inszenierung gesetzt hat, von unscharfen Wüsten- und Großstadtbildern zur funkelnden Nachtansicht von New York oder sonst einer Welt-Metropole. Selbst wenn die, die da irre geworden sind in und an der Macht, die eigenen Fehler erkennen, das sagt dieses Finale, wird nichts sich zum Besseren ändern.

Bis dahin ist eine maßvoll moderne Version dieser antiken Geschichte vom Widerstand der Moral gegen die Macht zu sehen mit der ganz in wehendes Schwarz gewandeten Juliette Binoche im Zentrum. Aber was heißt schon "im Zentrum". Schon das Original des Sophokles entwirft ja mehr gedanklichen Horizont für den schillernd-schlimmen König Kreon. Er durchlebt den Wandel der Seele, Antigone nicht. Juliette Binoche steht mit Patrick O'Kane ein gewaltiger Kreon gegenüber. Er kennt nur die Struktur der Macht, sie ist der Humanität verpflichtet, der familiär-schwesterlichen Menschenliebe, die kein Gesetz welcher aktuellen Macht auch immer außer Kraft setzen kann.

Klar und kraftvoll geht sie auf diesem Weg Schritt für Schritt voran, bestenfalls von Sorge darüber erfüllt, ob sie wohl nicht nur recht tun, sondern auch Recht bekommen wird, nicht im Leben, sondern vor den Göttern. So begräbt sie den von Kreon als Kriegsgegner und Rebell verfluchten Polyneikes und verstößt so, bei Strafe des Todes, gegen geltendes Recht, und so nimmt sie danach bis zum Tod keine Hilfe mehr an. Zweifellos arbeitet sich Juliette Binoche sehr eindrucksvoll und konzentriert an dieser unerbittlichen Persönlichkeit empor, in kämpferischem Monolog wie in bitterscharfen Wortgefechten mit der Macht.

Anne Carsons neue englische Fassung spitzt die Paranoia der Macht klug zu. Vor der Anarchie hat sie Angst, wenn des Königs Wort nicht mehr gilt, und wer nicht denkt wie er, ist Terrorist. Demgegenüber gewinnt auch Antigone an Klarheit und Kraft und auch der antike Chor findet eine kluge, neue Form: geformt aus allen übrigen Figuren des Textes, Ismene und Eurydike, Haimon, Teiresias und den Boten. Hinter der Szene geht riesengroß die Sonne auf nach der Nacht, in der Antigone den toten Bruder begrub. Danach kommt weiß und kalt die Nacht und das Nichts.

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