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Sendezeit
12:40 Uhr
Sender
SWR2

Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ ist das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Der Grazer Sprachkünstler und Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2017 Ferdinand Schmalz hat sich nun an eine moderne Jedermann-Version gewagt. 2018 wurde sie bereits am Wiener Burgtheater uraufgeführt.

Während bei Hofmannsthal der Jedermann ein „Reicher“ ist, der von Gottes Gnade gerettet werden kann, ist er in Schmalz‘ „Jedermann (stirbt)“ ein Banker in einer gottlosen Welt. Am Schauspiel Frankfurt inszeniert Jan Bosse die kapitalismuskritische Apokalypse mit bunten, teils albernen Showeffekten. Dass das Spiel vom Sterben dennoch gelingt, liegt an der herausragenden Schauspielleistung.

„Jedermann (stirbt)” am Schauspiel Frankfurt

„Jedermann (stirbt)” am Schauspiel Frankfurt (Foto: Schauspiel Frankfurt / Arno Declair)
Am Schauspiel Frankfurt lebt Jedermann, je nach Sichtweise, auf einem Spielplatz oder im Zoo, auf alle Fälle in einer „Gated Community“. Seine Spielwiese, der kapitalistische Garten Eden, ist mit Gitterstäben eingezäunt, so dass ärmere Schichten und böse Migranten nicht hineinkönnen. Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Das führt aber auch dazu, dass dieser Jedermann peinlich genau zur Schau gestellt wird, ein abgehalfterter Banker in Unterhosen und Kniestrümpfen. Wolfram Koch spielt die Hauptrolle mit einer masochistischen Lust am kalauernden Blödsinn. Jedermann ist ein spießiger Kleinbürger, der es zum Manager gebracht hat, Verluste in Bad Banks auslagert und mit Blick auf seinen Penis die Richtung vorgibt, in die es angeblich geht: nach oben. Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Im Gegensatz zur durchformalisierten Wiener Uraufführung setzt Jan Bosse auf den bisweilen auch albernen Showeffekt; sein Jedermann will vor allem Entertainer sein. Allerdings einer, der weiß: „das System muss gefickt werden“. Deshalb spritzt er anzüglich mit einem gelben Gartenschlauch, betreibt aber auch wohltätige Stiftungen. Dass seine Zeit abgelaufen ist, dass der Tod schon mit am Tisch sitzt beim Gartenfest, will er natürlich nicht wahrhaben. Lieber erstmal einen draufmachen. Im Bild: Wolfram Koch, Manja Kuhl Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Leider wird die Sprachvirtuosität des Autors Ferdinand Schmalz von der Regie aber überhaupt nicht bedient: Jan Bosse verlagert quasi zwanghaft alles nach außen, in die bunten Kostüme, in die zappelnde Gestik, in Zirkus-Effekte – Katharina Bach, die die allegorischen „guten Werke“ spielt, schwebt als Blume angeseilt im Bühnenhimmel; später, als „Mammon“, reckt sie als güldene Freiheitsstatue die Faust. Im Bild: Katharina Bach, Mechthild Großmann Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Doch auf dieser rein visuellen Ebene zeigt Bosse auch, was alles in diesem Text steckt: Jedermann, dieser Frankfurter Unterhosen-Gigolo, hat seine Seele ans Kapital verpfändet. Wenn er dann auf den Tod wartet und um Aufschub bittet, um eine Stunde Frist, beginnt nochmal ein ganz anderes Stück, eines, dass mit Francis-Bacon-artigen Bildern arbeitet, mit Plastiktüten-Selbststrangulation und Folter, mit dem Krieg gegen sich selbst: das Spiel vom Sterben eben. Im Bild: Wolfram Koch, Simon Schwan Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen
Dass das gelingt, hat ausschließlich mit der wunderbaren, magischen Mechthild Großmann zu tun, die sowohl die Buhlschaft als auch, raumgreifend, den schwarzgewandeten, glatzköpfigen Tod spielt. Ihre Bass-lastige Stimme bringt eine dunkle Ernsthaftigkeit in die Aufführung, die bisher nur fidel herumerzählte und mit Wasserbömbchen warf. Jedermann kann endlich zur Ruhe kommen und sterben. Er lehnt den Kopf an die Schulter des Todes. Das Licht geht aus und alle Börsenkurse sind gleichgültig. Schauspiel Frankfurt / Arno Declair Bild in Detailansicht öffnen

„Jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz in der Inszenierung von Jan Bosse läuft noch bis zum 12. April am Schauspiel Frankfurt.

Bühne Berliner Gorki-Theater verlegt Shakespeares „Hamlet“ ins vereinte Deutschland

Ist etwas faul im vereinten Deutschland? Regisseur Christian Weise hat Shakespeares Tragödie vom dänischen Prinzen in die Gegenwart nach 1990 verlegt. Aber allzu politisch wird seine Inszenierung im Blechcontainer, der provisorischen Nebenbühne des Berliner Gorki-Theaters, gar nicht. Stattdessen macht er „Hamlet“ zum Film, in dem einzelne Szenen aus Shakespeares Stück gespielt werden. Überaus üppig, voller Ideen, mit viel Wolle und Pappmaché, wird daraus ein Abend, an dem Schauspieler ihre Arbeit und ihre Rollen reflektieren. SWR2-Kritikerin Ina Beyer hat eine „ungeheuer geschickt gemachte Illusion aus Film und Theater“ gesehen und empfiehlt: „Einfach Augen und Ohren auf - und durch“.  mehr...

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Bühne Flöhe auf dem Bierbauch: „Am Wiesnrand“ von Stefanie Sargnagel in München

Kein Volksstück im Stil Ödon von Horvaths, eher nüchterne Feldforschung in einem orgiastischem Rumgesaue - das ist „Am Wiesnrand“ von Stefanie Sargnagel. Das Münchner Volkstheater hatte das Schauspiel bei der Wiener Autorin bestellt. SWR2-Kritiker Christoph Leibold findet, Sargnagel beschreibe mit saftiger Sprache „dröhnenden Frohsinn aus fressen, saufen, rülpsen, grapschen, schnackseln und urinieren“. Regisseurin Christina Tscharyiski hat den Text eines Erzählerinnen-Ichs auf insgesamt fünf Schauspieler verteilt. „Eine groteske Gaudi mit Gespür fürs Grindige und Grausliche“, meint Leibold. Die erste Hälfte der Aufführung gehe runter wie die erste Wiesn-Mass. In der zweiten Hälfte sehne sich der Zuschauer allerdings nach einer gehaltvollen Unterlage. Und das dritte Bier bleibe glücklicherweise aus. Sein Fazit: „Man verlässt das Theater angenehm angeheitert, aber keineswegs restlos berauscht“.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Bühne Steriles Leiden unter den Sternen: „Woyzeck” am Schauspiel Stuttgart

Der 1988 in Basel geborene Zino Wey gehört zu den interessanteren Regisseuren der jungen Generationm und hat bereits in Zürich, Mannheim und den Münchner Kammerspielen inszeniert. Am Staatstheater Stuttgart darf Wey nun auf die große Schauspielhaus-Bühne, und zwar mit einem Klassiker, Büchners „Woyzeck“. Die Hauptrolle wird von einer Frau gespielt, von Sylvana Krappatsch. Eine Gegenbesetzung, die leider nicht funktioniert. Der Woyzeck von Zino Wey ist eine verquälte Kunstübung auf zu großer Bühne. „Die schönste Aberratio mentalis partialis“, wie der Doktor bei Büchner sagt. Aber kein interessanter Casus.  mehr...

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