Bitte warten...

20. Internationale Schillertage Der Dichter und die Revolution: Politische Schillertage in Mannheim

Die 20. Internationalen Schillertage feiern den Dichter als politischen Vordenker für eine Veränderung der Verhältnisse. Schillers Idee, Menschen mit Hilfe von Kunst zu emanzipieren, sei besonders aktuell, sagt der Kunstwissenschaftler Karl-Heinz Lüdeking. Ein von ihm mitverantworteter Bank über Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen wird in Mannheim diskutiert.

6:24 min | Do, 27.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

20. Internationale Schillertage

Karlheinz Lüdeking: Wie Schiller die Gesellschaft revolutionieren wollte

Kathrin Hondl im Gespräch mit Karlheinz Lüdeking

Schillers Vorhaben, Menschen mit Hilfe von Kunst zu emanzipieren, die Gesellschaft zu revolutionieren, sei gerade heute besonders aktuell, sagt der Kunstwissenschaftler Karl-Heinz Lüdeking von der Universität der Künste Berlin. Lüdeking ist einer der Autoren des Bandes "Immer noch Barbaren. Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen". Darin haben sich 27 Autorinnen und Autoren Schillers berühmte kunstphilosophische Briefe noch einmal vorgenommen. Auf einer Lesung bei den Schillertagen in Mannheim wird das Buch diskutiert.

„Maria Stuart“: Abstraktes Maskentheater

Frauen an der Macht: Zur Eröffnung der 20. Internationalen Schillertage vom 20. bis 30. Juni kam am Mannheimer Nationaltheater „Maria Stuart“ auf die Bühne. Doch das Stück in der Regie von Claudia Bauer ist abstraktes Maskentheater ohne Empathie und Möglichkeit zur Identifikation.

1/1

20. Internationale Schillertage

Schiller ohne Individualität: „Maria Stuart“ in Mannheim

In Detailansicht öffnen

Von Daniel Stender

„Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes, dem eigenen Herzen dürfen sie nicht folgen“, sagt Elisabeth, die Königin von England (hier gespielt von Sophie Arbeiter, mit László Branko Breiding). Man müsste ergänzen: Königinnen dürfen dem eigenen Herzen umso weniger folgen. Als Frauen in einer männerdominierten Welt müssen sie ihren „schwachen Leib“ verbergen oder zumindest beweisen, dass dieser Leib sie nicht weniger erbarmungslos macht.

Von Daniel Stender

„Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes, dem eigenen Herzen dürfen sie nicht folgen“, sagt Elisabeth, die Königin von England (hier gespielt von Sophie Arbeiter, mit László Branko Breiding). Man müsste ergänzen: Königinnen dürfen dem eigenen Herzen umso weniger folgen. Als Frauen in einer männerdominierten Welt müssen sie ihren „schwachen Leib“ verbergen oder zumindest beweisen, dass dieser Leib sie nicht weniger erbarmungslos macht.

So gesehen ist Claudias Bauers Inszenierung von „Maria Stuart“ sehr konsequent: Alle acht Schauspieler und Schauspielerinnen tragen Masken oder maskenhaft weiß geschminkte Gründgens-Gesichter, stilisierte Kleider, mit spitz abstehenden Hüftteilen. Vor allem tragen sie ein ritualisiertes Verhalten vor sich her und eine seltsam zerdehnte Alien-Sprache im Mund.

Diese Inszenierung von „Maria Stuart“ erinnert an den Barock, das Zeitalter der harten Etikette. So gut wie jede Handlung des Königs ist ritualisiert. Von Louis XIV. ist überliefert, dass allein das Aufstehen des Königs ein zeremonieller Akt war, bei dem gleich mehrere Höflinge halfen, von denen jeder eine bestimmte Rolle hatte.

Claudia Bauer überträgt das auf das Ensemble ihrer Inszenierung. Zwar stehen acht weibliche und männliche Figuren auf der Bühne. Doch alle sehen gleich aus, sprechen im Chor und verkörpern entweder Maria Stuart, die Königin von Schottland oder Elisabeth, die Königin von England.

Auf dem Bild: v.l.n.r. Sophie Arbeiter, Sonja Isemer, Patrick Schnicke, Vassilissa Reznikoff, László Branko Breiding und Nicolas Fethi Türksever.

Theoretisch ist das interessant, denn es verweist auf das Konzept von den zwei Körpern des Königs, den natürlichen und den repräsentativen, den physischen Körper und einen, der für den Staat steht und damit für ein abstraktes Prinzip.

Allerdings wird diese theoretisch gute Regie-Idee nicht durchgehalten. Immer wieder sprechen einige der Schauspieler aus den Rollen der beiden Königinnen in die Rollen der vielen dominanten Männerfiguren in Schillers Text.

Vor Beginn der Schillertage hatte Intendant Christian Holtzhauer darüber gesprochen, dass Schillers Stücke nicht mehr so selbstverständlich zum Theaterkanon gehören. Claudia Bauer dreht diese Tendenz noch eine Runde weiter und rückt Schillers Figuren in eine abstrakte Ferne. Eine individuelle Persönlichkeit ist hier niemand.

Andererseits: das Bühnenbild erinnert auch an sehr gegenwärtige Überwachungsszenarien. Die Bühne ist auf den ersten Blick in einen öffentlichen und einen privaten Raum getrennt – zu letzterem gehören acht kleine Garderoben. Was dort geschieht, wird jedoch per Video auf eine Leinwand projiziert. Es gibt also keine Rückzugsräume.

Wenn die Figuren miteinander sprechen, reden sie aneinander vorbei – in die Kamera hinein und für die Kamera. Keiner sagt, was er wirklich denkt.

Hier fehlt jemand, bei dem man mitleiden kann. Irgendeine Figur, auf die man seine Empathie richten kann. Das gewährt Claudia Bauer dem Publikum nicht. Besonders deutlich wird das, wenn sie Schillers Grundidee der Figurenentwicklung auf den Kopf stellt.

Zur Erinnerung: Am Ende des Stücks akzeptiert Maria Stuart das Todesurteil und wird bei Schiller zu einer besseren, geläuterten – heute würde man sagen: zu einer authentischen – Person. Bauer greift das zwar auf: Vassilissa Reznikoff (Mitte) spielt Maria Stuart mit offenem Haar, ohne Maske, ohne weiße Schminke im Gesicht. Aber sie tritt als lispelnde Tussie auf, die mit Champagner auf die eigene Hinrichtung anstößt. Auch hier: keine Empathie.

„Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in der Regie von Claudia Bauer am Nationaltheater Mannheim. Die nächsten Aufführungen am 26. und 30. Juni, am 5., 8. und 10. Juli 2019.

Das „Fieber“ der globalisierten Welt: „Tram 83“ von Fiston Mwanza Mujila

Das Motto der Schillertage, „Fieber“, ist eine Anspielung auf Schiller selbst, der seinem Zeitalter einen „Fieberkrampf“ attestiert hatte. Aktuelle Stoffe sollen seine Vision eines politischen Theaters in Mannheim fortführen.

So zeigt die Theateradaption „Tram 83“ des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila die Gier der Globalisierung im postkolonialen Afrika.

1/1

20. Internationale Schillertage

Das Fieber der globalisierten Welt: „Tram 83“ in Mannheim

In Detailansicht öffnen

Von Martina Senghas

„Tram 83“ ist kein gewöhnlicher Club. Es ist der Club schlechthin in der fiktiven zentralafrikanischen Megacity namens StadtLand. „Tram 83“ aus dem Roman des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila ist Bar und Bordell. Hier treffen sich Minenarbeiter und Mächtige, Gauner, Glückssuchende und Prostituierte.

Von Martina Senghas

„Tram 83“ ist kein gewöhnlicher Club. Es ist der Club schlechthin in der fiktiven zentralafrikanischen Megacity namens StadtLand. „Tram 83“ aus dem Roman des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila ist Bar und Bordell. Hier treffen sich Minenarbeiter und Mächtige, Gauner, Glückssuchende und Prostituierte.

„Dieses Buch ist Musik, ist Rhythmus, funktioniert eigentlich wie eine Partitur mit ihren Stimmen“, so die österreichische Regisseurin Carina Riedl, die den Roman für die Schillertage auf die Bühne bringt, in der Mannheimer TechonoDisco Zwei, einem angesagten Technoclub der Stadt.

Auf dem Bild: Nancy Mensah-Offei (rechts) und Tala Al-Deen.

Es gehe gar nicht anders, als dieses Buch von Fiston Mwanza Mujila mit viel Musik zu inszenieren. „Fiston beschreibt an diesem Ort eine Reihe von Jazzkapellen unterschiedlichster Couleur, unterschiedlicher ethnischer Herkunft und unterschiedlicher Musikstile“, erklärt Regisseurin Carina Riedl. So ist der Abend mit einem treibenden Beat unterlegt, der von einem DJ, einem Balafonspieler und einem Percussionisten gemacht wird.

Die Handlung beschreibt, wie der verfolgte Schriftsteller Lucien bei seinem alten Freund Requiem Zuflucht sucht. Der allerdings ist inzwischen einer der größten Gauner in StadtLand. Ihr Leben findet fortan im Tram 83 statt. Dessen Welt wird von zwei Schauspielerinnen und drei Schauspielern im Prostituierten-Outfit gezeigt. Alles hier vibriert vor Sex- und Machthunger, Krieg- und Korruption.

Auf dem Bild: Eddi Irle

Letztlich wollen alle zu Profiteuren des unglaublichen Reichtums werden, der in den Minen liegt. „Das hier ist die neue Welt. Wenn du nicht fickst, wirst du gefickt, wenn du nicht frisst, wirst du gefressen. Wenn du nicht vernichtest, wirst du vernichtet. Das hier ist die neue Welt.“ Es ist eine brutale Welt, aber sie ist keineswegs nur ein afrikanischer Ort, sondern ein Ort, an dem die Interessen internationaler Konzerne und verschiedener politischer Kräfte zusammenliefen, so die Regisseurin.

Auf dem Bild: Arash Nayebbandi (rechts) und Eddie Irle

Deshalb passt diese Romanadaption gut zu den diesjährigen Schillertagen mit seinem Fieber-Motto und der Frage, wo die Dinge in der globalisierten Gesellschaft gerade heiß laufen. Carina Riedl: „Die Welt ist krank an diesem Ort, und sie krankt an vielem. Und im Stück gibt es einen, der daran festhalten möchte, dass man die Welt verändern kann. Und es gibt einen, der sich einrichten will mit diesen Dingen.“

„Tram 83“ nach dem Roman von Fiston Mwanza Mujila. Deutsche Erstaufführung. Voraufführung am 20. Juni, Premiere am 21. Juni. Weitere Aufführungen am 22., 24., und 25. Juni 2019 in der Mannheimer Disco Zwei.

Sarkastische Performance zur Überwachungsgesellschaft in der Multi-Halle

Die kühne Mannheimer Multi-Halle im Herzogenriedpark von Frei Otto überspannt eine Fläche von 10.000 Quadratmetern. Für die Festivalmacher der Mannheimer Schillertage ein idealer Ort für ein besonderes Theaterprojekt.

Unter dem Titel „Mannheim 2.480“ hat Autor und Regisseur Clemens Bechtel einen akustischen Spaziergang inszeniert. Es geht in seinem Parcours um unsere Ängste. Anlass dafür ist die verstärkte Video-Überwachung in der Mannheimer Innenstadt. Ein gelungener, sehr sarkastischer Kommentar zur Überwachungsgesellschaft.

3:18 min | Fr, 21.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

20. Internationale Schillertage

Überwachung 2.0: Das Theaterprojekt MA 2.480 in der Mannheimer-Multi-Halle

Eberhard Reuß

Die kühne Mannheimer Multi-Halle im Herzogenriedpark von Frei Otto überspannt eine Fläche von 10.000 Quadratmetern. Für die Festivalmacher der Mannheimer Schillertage ein idealer Ort für ein besonderes Theaterprojekt. Unter dem Titel „Mannheim 2.480“ hat Autor und Regisseur Clemens Bechtel einen akustischen Spaziergang inszeniert. Es geht in seinem Parcours um unsere Ängste. Anlass dafür ist die verstärkte Video-Überwachung in der Mannheimer Innenstadt. Ein gelungener, sehr sarkastischer Kommentar zur Überwachungsgesellschaft.

Christian Holtzhauer: Schillers Tradition des politischen Theaters fortführen

Zentrale Texte des Dichters sollen bei den Schillertagen im Zentrum stehen. Dazu gehöre auch Schillers Kunstphilosophie, so der Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim, Christian Holzhauer. Ausgangspunkt sei eine Zeitdiagnose des Dichters über das revolutionäre Zeitalter. Seine Zeitgenossen lebten in einem "Fieberkrampf".

Schillers Ansatz, durch Bühnenkunst zu Emanzipation und Verbesserung der Verhältnisse beitragen zu wollen, wolle man auch mit den aktuellen Stücken anderer Autoren fortführen.

6:33 min | Mi, 19.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

20. Internationale Schillertage

Christian Holtzhauer: Schillers Tradition des politischen Theaters fortführen

Philine Sauvageot im Gespräch mit Christian Holtzhauer

Beim Jubiläum der 20. Schillertage stünden zentrale Texte des Dichters im Zentrum. Dazu gehöre auch Schillers Kunstphilosophie, so der Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim, Christian Holzhauer. Ausgangspunkt sei eine Zeitdiagnose des Dichters über das revolutionäre Zeitalter. Seine Zeitgenossen lebten in einem "Fieberkrampf". Seinen Ansatz, durch Bühnenkunst zu Emanzipation und Verbesserung der Verhältnisse beitragen zu wollen, wolle man auch mit den aktuellen Stücken anderer Autoren fortführen.

Geschichte der Schillertage seit 1978

Bei den ersten Schillertagen 1978 in Mannheim war eines der Themen noch die Schiller-Rezeption in der Sowjetunion. Die „Räuber“ von 1990 handelten von den Umbrüchen in der DDR. Zeitgeschichtliche Aktualisierungen der großen Stücke prägen die Geschichte der Schillertage.

3:29 min | Di, 18.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

20. Internationale Schillertage

Zur Geschichte der Mannheimer Schillertage: Einen „Kanon“ gibt es nicht mehr

Eberhard Reuß

Als die Internationalen Schillertage 1978 erstmals veranstaltet wurden, standen sie noch ganz im Zeichen des Kalten Kriegs. Wie Schiller in der Sowjetunion rezipiert wurde, lautete eines der Themen. 1990 präsentierten Schüler der Ostberliner Schule für Schauspielkunst eine Aufführung der "Räuber", die den Umbruch in der DDR schilderte. Einfach kanonisieren lassen sich die Stücke von Friedrich Schiller jedenfalls nicht mehr, ist der Intendant des Mannheimer Schauspiels, Christian Holtzhauer, überzeugt. Eine Geschichte der Mannheimer Schillertage anlässlich des 20. Jubiläums.

Eröffnung der Schillertage - Reaktionen in den Feuilletons

Die SWR2 Kulturmedienschau berichtet über Reaktionen zur Eröffnung der 20. Internationalen Schillertage mit „Maria Stuart“.

4:16 min | Mo, 24.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

Kulturmedienschau

Mannheim im Schiller-„Fieber“ | 24.6.2019

Anja Höfer

In Mannheim haben die 20. Internationalen Schillertage mit „Maria Stuart“ eröffnet. Der Franzose Dominique Meyer wird voraussichtlich neuer Chef der Mailänder Scala - das beschäftigt heute die Feuilletons. Außerdem der neue Film von Alexander Kluge: „Happy Lamento“. Die Kulturmedienschau von Anja Höfer


Mehr zum Thema im WWW:

Weitere Themen in SWR2