"Impetus" von Nader und Campos | Uraufführung in Mainz Fontänen aus fliegenden Tänzern

Kulturthema am 26.2.2018 von Natali Kurth

In Deutschland war das Choreografenpaar Guy Nader und Maria Campos völlig unbekannt. Dann wurde es 2017 für "Fall seven times" mit dem Theaterpreis FAUST ausgezeichnet, ein Überraschungserfolg. Das Mainzer Staatstheater hatte die jungen Talente entdeckt. Dort ist auch ihre neue Tanztheater-Arbeit zu sehen: "Impetus".

Ein Tänzer schleppt huckepack einen Menschen einen steilen Pfad hinauf. Immer wieder entgleitet ihm seine Last, er rutscht ab und fängt unermüdlich wieder von vorne an. Links und rechts ein gefährlicher Abhang. Nach rechts könnte man irgendwie noch runterrutschen, eine schräge glatte Fläche grenzt an den Pfad.

Was auf der anderen Seite ist, sieht man nicht. Nach einigen Minuten ohne Musik ist der Aufstieg für beide beinahe geschafft. Doch oben angekommen, kippt ausgerechnet jener Tänzer senkrecht nach hinten ins Nichts ab, der die ganze Zeit versuchte, den anderen zu retten.

"Impetus" von Guy Nader und Maria Campos

Zachary Chant, Finn Lakeberg und Marija Slavec bei der Uraufführung von "Impetus" am Staatstheater Mainz. (Foto: Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter)
Zachary Chant, Finn Lakeberg und Marija Slavec bei der Uraufführung von "Impetus" am Staatstheater Mainz. Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Fin Lakeberg, Anamaria Klajnscek und Zachary Chant in "Impetus" von Guy Nader und Maria Campos am Staatstheater Mainz. Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Anamaria Klajnscek in "Impetus" von Guy Nader und Maria Campos am Staatstheater Mainz. Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Figuren des Mainzer Tanzensembles in "Impetus" von Guy Nader und Maria Campos Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Anamaria Klajnscek und Zachary Chant in der Uraufführung von "Impetus" am Staatstheater Mainz. Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen
Tanz am Abgrund. Das Ensemble des Staatstheaters Mainz in "Impetus" von Guy Nader und Maria Campos. Staatstheater Mainz - Foto: Andreas Etter Bild in Detailansicht öffnen

Bergauf schleppen wie Sisyphus

Das Bühnenbild von Lucia Vonrhein impliziert eine abstrakte Landschaft voller bedrohlicher Gefahren. Eine über der Bühne hängende Lichtinstallation aus vielen kleinen Lampen bestimmt über Hell oder Dunkel – über Tag oder Nacht.

Das Thema ist gesetzt: "IMPETUS" ist der Wille oder die unbändige Energie eine schwierige, immer wiederkehrende Aufgabe anzugehen. Das Stück ist inspiriert von der Legende um Sisyphus, der dazu verdammt war, jeden Tag aufs Neue einen schweren Stein einen Berg hinauf zu rollen.

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Akrobatische Technik des "Partnering"

Schon bei "Fall Seven Times", dem mit dem Faustpreis ausgezeichneten Stück, setzten Guy Nader und Maria Campos auf eine Technik, die sie "Partnering" nennen und die ihre Ursprünge in der Kontaktimprovisation hat: Eine Berührung geht in die nächste über. Im "Partnering" aber wird aus Berührung ein Festhalten, Hochwerfen, Herumschleudern und Auffangen.

Ähnlich wie bei Trapezkünstlern müssen die Tänzer blind aufeinander vertrauen, zumal viele der Würfe und Sprünge auf der Schräge stattfinden. Simple Jumpsuits sorgen für Bewegungsfreiheit. Die akrobatischen Elemente mit zum Teil spektakulären Aktionen verführen zu einer zirkushaften Anmutung. Guy Nader und Maria Campos finden aber immer einen Dreh, die Akrobatik wieder in den Tanz zurückzuführen und in eine variantenreiche Kollektion von filigranen Mustern zu verwandeln.

Zahnräder aus Menschenketten

So etwa, wenn sich die ganze Kompanie wie zu einem Zahnrad miteinander verbindet und in einer eng verwobenen Menschenkette den Berg hinauf rollt und wieder hinunter. Durch das Spiel mit der Schwerkraft, dem Gewicht und dem Gegengewicht entstehen starke poetische Bilder.

Tänzer fallen leicht wie Blätter auf den Boden und wirbeln wie vom Wind erfasst wieder auf. Es wird Tag und es wird Nacht. Alles ist ein ewiger Kreislauf. Das souverän aufspielende Philharmonische Staatsorchester spielt dazu aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder John Adams minimalistischem Werk "Shaker Loops" mit seinen sich wiederholenden harmonischen Rhythmen.

Fontänen aus Menschenkörpern

Die Drehbühne wird zu einem unendlichen Laufband, gegen dessen Kraft die Tänzer anrennen - es ist wie ein Schwimmen gegen den Strom. Irgendwann schwindet die Kraft und die Strömung reißt einen mit. Auch der Wechsel zwischen Duetten, Trios und großen Tableaus ist gelungen.

Noch mehr Unterschiede im Tempo der Variationen hätten aufgelockert. Doch wenn sich am Ende die 18 Tänzer wie zu einem virtuosen Springbrunnen formen und einzelne wie Fontänen in die Luft schießen und von der Menge wieder aufgefangen werden, dann ist im Publikum kein Halten mehr. Zu recht Standing Ovations vor einem jubelnden ausverkauften Haus.

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