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Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Nach der Staatsoper Stuttgart im Dezember und dem Theater Basel im Januar zeigt nun das Theater Freiburg als dritte Spielstätte im Südwesten Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Dass man dem unverwüstlichen Opernklassiker dabei immer noch neue Apekte abgewinnen kann, beweist Regisseur Joan Anton Rechi eindrücklich.

Er verlegt die Handlung kurzerhand in einen Brautmodeladen. Das sängerisch wie schauspielerisch hervorragende Ensemble, das wunderbar ausdifferenziertes Orchesterspiel sowie das passgenaues Bühnenbild fügen sich unter Rechis Regie zu einem quietschbunten und herrlich überdrehten Gesamtkunstwerk, ohne in Klamauk abzudriften.

Oper Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in Freiburg

Nozze di Figaro am Theater Freiburg (Foto: Rainer Muranyi)
In Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ heiratet der Titelheld nicht allein. Es ist auch Susannas tollster Tag, wie es im Untertitel der Oper heißt. So steht in Joan Anton Rechis Inszenierung am Theater Freiburg das weiße Hochzeitskleid im Zentrum. Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Zu Beginn ist Susanna noch ganz in Schwarz, am Ende des zweiten Aktes hat sie endlich das ersehnte weiße Kleid und in der Maskerade am Ende tragen alle ein solches. Denn Rechi verlegt die Sache kurzerhand in einen Brautmodeladen. Im Bild: Samantha Gaul (Susanna, doppelt besetzt) und Anja Jung (Marcellina) Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Da werden alle Geschlechterrollen durchlässig, was nicht nur auf die Hosenrolle des Cherubino zutrifft. Mit einer virtuosen Choreografie auf Rollerblades singt und spielt Inga Schäfer diesen Pubertierenden auf Identitätssuche wunderbar. Im Bild: Samantha Gaul, Inga Schäfer, Junbum Lee und Statisterie Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Das gesamte Ensemble dieser Aufführung liefert sängerisch eine großartige Leistung ab. Hinzu kommt eine enorme Spiellust, die ihresgleichen sucht. Die rosagetönte Bühne von Sebastian Ellrich ist so passgenau wie die schön gearbeiteten Kostüme von Sandra Münchow. Die perfekte Abstimmung mit der Regie sorgt dafür, dass das überdreht Komödiantische nicht zum Klamauk wird. Im Bild: Irina Jae-Eun Park (gräfin, doppelt besetzt), Michael Borth (Graf) Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Rechi findet schöne Bilder für die Melancholie in der Auftrittsarie der Gräfin. Ihre ganze Traurigkeit trägt sie, ihr Spiegelbild ansingend, mit sich selbst aus. Das ist einfach anrührend. Sarah Traubel ist herausragend klangschön in dieser Partie. Im Bild: Sarah Traubel, Michael Borth, Juan Orozco und Katharina Ruckgaber Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Es ist ein „Figaro“ fürs Pop-Zeitalter. Bei diesem Ansatz fällt es schwer, den gesellschaftspolitischen Biss der Klassenrevolte aufrechtzuerhalten. Am Ende wird der Sturm des Finals, der alle revolutionär von der Bühne zu fegen hat, doch nur brav als Chor an der Rampe gesungen. Im Bild: Katharina Ruckgaber (Susanna, doppelt besetzt) und Michael Borth (Graf) Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Doch das ist bei der übrigen Vitalität verzeihbar. Auch, weil Katharina Ruckgaber als ruhig alle Fäden in der Hand haltende Susanna, Juan Orozco als komödiantischer Figaro und Michael Borth als viriler Graf Almaviva, Jin Seol Lee als stimmgewaltiger Bartolo, Anja Jung als zickige Marcellina und auch alle kleineren Rollen einfach beglückend sind: sängerisch wie darstellerisch. Im Bild: Jin Seok Lee, Juan Orozco, Sarah Traubel, Anja Jung, Seonghwan Koo, Michael Borth, Statisterie und Opernchor Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Zur Vitalität der Bühne fügt sich der Graben mit dem Philharmonischen Orchester unter der musikalischen Gesamtleitung von Ektoras Tartanis. Die Balance ist wunderbar, der Orchesterklang ausdifferenziert. Er neigt dabei zu manchen Manierismen, vor allem bei den etwas ornamental ausufernde Rezitativen. Im Bild: Samantha Gaul, Anja Jung und Juan Orozco Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen
Tartanis dirigiert wie sein Mentor Teodor Currentzis, dessen musikalischer Assistent er auch ist, einen mehr barock ausgerichteten als klassischen Mozart. Dennoch fügt es sich als musikalisches Theater mit der Regie zu einem Gesamtkunstwerk, ohne exaltiert zu wirken. Im Bild: Irina Jae-Eun Park (Gräfin, doppelt besetzt) Rainer Muranyi Bild in Detailansicht öffnen

„Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart unter der Regie von Joan Anton Rechi läuft noch bis zum 1. Juni am Theater Freiburg.

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