Oper

„Macbeth“ an der Oper Freiburg – alle Ehre für Giuseppe Verdis düsteres Meisterwerk

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Giuseppe Verdis frühes Opernmeisterwerk „Macbeth“ erfährt am Theater Freiburg eine ungewohnte, geradezu schicksalhafte Aktualität: inszeniert wird es vom ukrainischen Regisseur Andriy Zholdak, der seinen Namen von all seinen Inszenierungen in Russland zurückgezogen hat. Er ist der Mann der Stunde für diesen Opernkrimi über die Machtobsession eines skrupellosen Ehepaars, das über Leichen geht und in Wahnsinn und Untergang endet.

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Prophezeiungen und Schicksalsfädenen

Noch vor der Musik von Giuseppe Verdis „Macbeth“ am Theater Freiburg erzählt eine Videoeinblendung vom Schicksal des Titelhelden. Nach seinem Sturz und Tod fährt er direkt in die Hölle. Dort leidet er an einem ewigen, nicht zu stillenden Durst. Ein Sinnbild für die Bestrafung seiner blutigen Machtgier.

Dann hebt sich der Vorhang über einem Salon mit Türen, Fenstern, einem Vorhang und roten Teppichen. In diesem dunkel verhangenen Hotel Abgrund in der Unterwelt erzählt Regisseur Andriy Zholdak noch einmal die Geschichte des Macbeth.

Oper Macbeth von Verdi in Freiburg (Foto: Pressestelle, Martin Sigmund )
Musikalisch ist der Freiburger „Macbeth“ eine Offenbarung. Pressestelle Martin Sigmund

Dem prophezeien die die Hexen seinen blutigen, von seiner ehrgeizigen Lady angetriebenen Aufstieg zu Macht und Königsthron. Drei Parzen stricken an seinem Schicksalsfaden, den sie in der großen Hexenszene mit seinem Kopf vernähen und am Ende abschneiden.

Tod und Wiederkehr der Machtbesessenheit

Macduff und Malcom, der zukünftige König von Schottland, bringen Macbeth zu Fall und das Buch des Schicksals liegt auf dem Körper des Toten. Die Parzen ziehen Macbeth die schwarzen Faschistenstiefel aus und dem neuen König an und zeigen den für ihn geschriebenen Weg im Buch des Schicksals.

Ein zweiter Macbeth ist im Werden, lässt sich so von ihnen den Weg von Macht und Gier zeigen. Der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak ist dabei allen platten Aktualisierungen aus dem Weg gegangen und begreift das höllische Machtspiel als einen ewigen, überzeitlichen Kreislauf.

Surrealistische Bildsprache

Dem psychologischen Realismus von Verdis musikalischer Ausdeutung der Tragödie setzt Zholdak einen partiell etwas zu vollgestopften Surrealismus entgegen. Das Unterbewusste herrscht, worauf schon die mehrfach stattfindende Selbstreflexion der Figuren in Spiegeln verweist.

Oper Macbeth von Verdi in Freiburg (Foto: Pressestelle, Martin Sigmund)
Sanduhren, schwere Bücher, schwarze Hunde: Allerlei Dinge auf der Bühne für eine bedeutungsschwere Bildsprache. Pressestelle Martin Sigmund

Ein merkwürdiges Pat-und-Patachon-artiges Dienerpärchen agiert mit allerlei Gegenständen, staubt Gummibäume ab oder trägt Kerzenleuchter vorbei. Unweigerlich erinnert das an die in längst vergangenen Inszenierungen von Christoph Marthalers Schabernack treibenden Hausmeister, ebenso wie der partiell statisch, somnambul agierende Chor.

Die Regie gibt Rätsel auf

Zu Beginn wird in dichtem Schneefall Wild gejagt, Tiermasken werden getragen, zum Duett im dritten Akt regnet es Asche. Zholdak gelingen aber auch eindringliche Bilder der Ehehölle für das in Hass- und Machtliebe verbundene Paar. Zum Ballettwalzer der großen Hexenszene tanzt es diesen aus dem Ruder laufend.

Das ist vielleicht das treffendste Bild des Abends. Anderes bleibt rätselhaft. Wenn am Ende ein schwarzer Hund als barockes Symbol der Melancholie an die Leiche des Gewaltherrschers geführt wird, ist das vielleicht auch etwas Zuviel des Anspielungsreichtums.

Musikalisch stimmt hier alles

Musikalisch ist der Freiburger „Macbeth“ eine Offenbarung. Da ist alles wie selten perfekt austariert. Roxana Herrera Diaz als Lady und Juan Orozco in der Titelpartie sind ein fabelhaft aufeinander abgestimmtes Paar.

Die Wahnsinnsszene wird von Roxana Herrera Diaz als jener innere Monolog gestaltet, der wie von Verdi vorgesehen an der verrückten Grenze zwischen Singen und Sprechen entlanggleitet als Abbild einer sterbenden Seele. Jin Seok Lee ist ein klangschöner Banco, das tenorale Doppelpaar von Malcolm und Macduff mit Hyun Han Hwang und Junbum Lee ist stimmlich verblüffend zwillingshaft, der Chor ist ohne Fehl und Tadel, ebenso wie alle übrigen Solisten.

Eine kostbare musikalische Klarheit

m Pult des philharmonischen Orchesters arbeitet Ektoras Tartanis die orchestralen Feinheiten von Verdis großartig-dunkler Partitur heraus und straft alle Klischees von der orchestralen Simplizität des Komponisten Lügen. Er feilt mit ruhigen Tempi, in jeden Winkel der Instrumentation vordringend, exakt den sogartigen, umbragetönten Klang der fein geführten Holzbläser heraus.

Wo die Regie vielleicht zu viele Rätsel aufgibt, dominiert eine geradezu kostbare musikalische Klarheit. Verdis frühes Meisterwerk ist dergestalt als ein solches am Theater Freiburg zu erleben.

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