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Das Nationaltheater Mannheim startet mit einer deutschen Erstaufführung in die neue Saison: „Späte Familie“ nach dem gleichnamigen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev. Erzählt wird – mit allen Höhen und Tiefen – die Geschichte einer Frau, die sich von ihrem Mann trennt und hofft, nochmal neu anfangen zu können. Regisseurin Sandra Strunz hat den Roman für Mannheim in eine eigene Bühnenfassung gebracht.

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Es ist erstaunlich, wie gut Regisseurin Sandra Strunz den fast 600 Seiten langen Roman von Zeruya Shalev in ihrer Bühnenfassung in nur 90 Minuten zusammenrafft. All die widerstreitenden Gefühle von Ella werden deutlich – gegenüber ihrem Kind, ihrem Exmann – und gegenüber sich selbst.

Szene aus „Späte Familie“ am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner)
In der Mitte der kargen Bühne liegt ein Stück Kunstrasen, drumherum viele, einfache Holzstühle. Und über allem schwebt - bedrohlich wie eine zu niedrige Zimmerdecke - eine große, weiße Filmleinwand. Im Bild: Christoph Bornmüller und Vassilissa Reznikoff Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner

Das Stück beginnt mit dem Ende des Romans, mit einer Trauerfeier, bei der auch die drei Hauptfiguren des Stücks anwesend sind: Ella, ihr ehemaliger Mann Amnon und ihr neuer Mann Oded. Doch dann bricht die Szene plötzlich ab, die Filmleinwand wird heruntergefahren und der Schauspieler Christoph Bornmüller schlüpft im schwarzen Reifrock in die Rolle des überdrehten Conférenciers.

Szene aus „Späte Familie“ am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner)
„Späte Familie“ am Nationaltheater Mannheim. Im Bild: Vassilissa Reznikoff Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner

Ständige Rollenwechsel zeigen Verhaltensmuster

Die Schauspielerinnen und Schauspieler postieren sich vor der Filmleinwand und legen ihre Worte den stummen Kolleginnen und Kollegen auf der Leinwand in den Mund, wobei alle wechselnde Rollen übernehmen. Gerade die kurzen Passagen, die Ellas Kindheit beschreiben und die Beziehung zu ihren Eltern verdeutlichen, sind von der Regisseurin klug ausgewählt.

Hier macht auch das ständige Rollenwechseln Sinn, denn es verdeutlicht, wie sehr sich die Verhaltensmuster und Probleme von der Mutter auf Ella und wohl weiter auf deren Tochter übertragen. Gleichzeitig schaffen die wechselnden Besetzungen aber auch größtmögliche Distanz und machen deutlich, dass diese Probleme kein Einzelfall sind.

Schwarzweiß-Bilder der Leinwand stehlen Schauspielern die Schau

Der Regie-Einfall, das Geschehen abwechselnd auf einer Filmleinwand und auf der Theaterbühne spielen zu lassen, überzeugt allerdings nicht, denn die intensiven schwarz-weiß-Bilder auf der Leinwand stehlen den gespielten Szenen auf der Theaterbühne nach oft die Schau. Und bringen die Schauspielerinnen und Schauspieler außerdem in die missliche Lage, dass sie während der Filmsequenzen nicht wissen, was sie tun sollen und in sinnlosen Aktionismus verfallen.

Im Großen und Ganzen aber eine gelungene, eigenständige Romanadaption – mit einem spielfreudigen Ensemble nach einer langen Theaterpause!

Szene aus „Späte Familie“ am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner)
„Späte Familie“ am Nationaltheater Mannheim. Ensemble Nationaltheater Mannheim / Christian Kleiner

„Späte Familie“ nach Zeruya Shalev am Nationaltheater Mannheim
Aufführuengen bis zum 8. Oktober 2020

Theater Gestelzt: Saisoneröffnung am Wiener Burgtheater mit "Das Leben ein Traum"

Da die erste Saison für ist Martin Kušej als Direktor am Wiener Burgtheater coronanebdingt nur halb stattfand,  war die Eröffnung der zweiten eine Art Neuanfang. Allerdings inszeniert der Hausherr die Tragikomödie „Das Leben ein Traum“ Pedro Calerón de la Barca so altmodisch und gestelzt, als stamme sie aus fernen alten Burgtheatertagen.  mehr...

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Theater Ohne Mitgefühl: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in Mainz

1972 feierte Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ Premiere bei der Berlinale. Der Film basiert auf einem Theaterstück, das bis heute oft gespielt wird. Erzählt wird darin die Geschichte der Modeschöpferin Petra von Kant, die an der Liebe zu einer jungen Frau zerbricht. Nun hatte das Stück am Mainzer Staatstheater Premiere.  mehr...

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Theater „Herr Lehmann“ am Staatstheater Mainz: Nicht mehr als eine 80er-Jahre-Komödie

2001 landete Element-of-Crime-Sänger Sven Regener mit seinem Roman „Herr Lehmann“ auf der Bestsellerliste. Das Buch beschreibt das Leben im West-Berliner Kneipenmilieu kurz vor dem Mauerfall. Nun zeigt das Staatstheater Mainz eine Inszenierung des Kultbuches von Regisseurin Jule Kracht. Überzeugend dargestellt wird die Atmosphäre im Kneipen-Kosmos der späten achtziger Jahre. So tiefgründig wie der Roman ist das Theaterstück aber nicht.  mehr...

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Bühne Liebeserklärung an das Theater: „Der Geizige“ mit Jens Harzer am Thalia Theater Hamburg

Hauptdarsteller Jens Harzer ist in der Eröffnungsinszenierung „Der Geizige“ am Hamburger Thalia Theater nur an seiner Stimme zu erkennen: „Er sieht aus wie Horst Schlämmer. Die eckige Nickelbrille baumelt schief am Lesebändchen, die aufgebürsteten Haare stehen wie Beton, der Schnauzer wuchert. Über dem dicken Bauch spannt ein braunfleckiges T-Shirt“, so ist der geizige Harpagon in der Regie von Leander Haußmann gestaltet.

Mit sichtlicher Freude am komischen Fach reizen die Darsteller*innen mit kunstvollem Spagat zwischen kauzig und komplex ihre Figuren aus. Der Abend sei jedoch vor allem eines: „eine Liebeserklärung an das Theater, das Spielen, die Darsteller. Sie sind es, die ihn tragen und gestalten - auf der leeren Bühne, die ein Tribut an die Pandemie ist, denn Kulissen konnten nicht gebaut werden, da die Mitarbeiter des Thalia-Theaters in Kurzarbeit waren“, meint SWR2 Theaterkritikerin Ina Beyer.  mehr...

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