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Hebbels "Die Nibelungen" am Staatstheater Mainz Marionetten in der Brettlbude

Kulturthema am 30.4.2018 von Maja Hattesen

Die Nibelungen sind ein schwer zu besteigender Berg. In der Version von Friedrich Hebbel sind sie meist in mammuthafter Überlänge zu bestaunen. Am Staatstheater Mainz hat sich jetzt Hausregisseur Jan Christoph Gockel an der Saga versucht. Neben den Schauspielern treten auch Marionetten auf.

Über der Szenerie die Riesin

Über den Rand des Haupteinganges schaut ein riesenhafter Kopf auf den Theaterplatz herunter: Hier spielen schon die Schauspieler in einer Brettlbude mit Marionetten die Nibelungen im Schnelldurchgang  - inklusive Zuschauerquiz.

Die Brettlbude zieht als Theater auf dem Theater mit auf die Bühne und wird an diesem Abend immer wieder von den wunderbaren Marionetten des Puppenbauers Michael Pietsch bespielt, der auch den Spielmann Volker gibt. Die Nibelungen als klamaukiges Kinderstück.

Beine wie ein dunkel dräuendes Tor

Der Riesenkopf von draußen gehört zu einer Riesin mit meterhohen hölzernen Beinen, die die Bühne wie ein dunkel dräuendes Tor rahmen und an die Vorgeschichte Siegfrieds mahnen: der Schatz, der Drache, der Zwerg Alberich.

"Die Nibelungen" von Jan-Christoph Gockel am Staatstheater Mainz

Die Nibelungen_Martin Herrmann, Armin Dillenberger, Johannes Schmidt

Martialische Racheweiber - die Angst der Männerwelt

Alles was auch im Text schnell abgehandelt wird, verbannt Regisseur Jan Christoph Gockel in die Brettlbude und fokussiert auf die Racheweiber Brunhild und Kriemhild: die eine martialisch wie im Computerspiel, die andere, Kriemhild zunächst im unschuldig weißen Kleidchen mit roten Stiefeletten. Später wird sie ihren Rachefeldzug ebenfalls in schwarzer Rüstung dirigieren.

Männliche Gewaltwelt, aus Angst vor dem weiblichen Prinzip

Es ist die Angst der Männerwelt vor dem weiblichen Prinzip, die Gockel hier durchdekliniert und als Motor für Krieg und Zerstörung anlegt: Aus Deutschlands liebstem blonden Recken Siegfried wird bei Jan Christoph Gockel ein schöner dunkler Jüngling mit Migrationshintergrund, gestylt wie ein Fashion Blogger – und überzeugend gespielt von Nicolas Fethi Türksever.

"Die Nibelungen" von Jan-Christoph Gockel am Staatstheater Mainz

Die Nibelungen in Mainz: Lorenz Klee, Monika Dortschy, Sebastian Brandes, Julian von Hansemann und Michael Pietsch.

Siegfried mit Migrationshintergrund

Ein perfektes Neonazi-Feindbild, wie er da die deutsche Brünhild in Latin-Lover-Manier niederzwingt und folgerichtig ermordet werden darf. Der Ehrenmord wird abgesegnet vom schlaffen König Gunther, der mit seiner roten überlangen Krawatte ganz in Donald Trump-Manier von einer infantilen impulsgesteuerten Laune zur nächsten schlingert.

Sebastian Brandes glänzt als dieses Würstchen von Mann. Als Handlanger für den Mord an Siegfried dienen ihm die eigenen Brüder und Hagen – allesamt schlechte Ratgeber. Am wenigsten kann Zweifler Giselher in bayerischer Lederhose mit Rosenkranz bewirken. Das Kreuz in der Stube taugt im Kulturkampf auch heute am allerwenigsten.

"Die Nibelungen" von Jan-Christoph Gockel am Staatstheater Mainz

Endzeitgemetzel bei den Nibelungen. Lorenz Klee, Sebastian Brandes, Anika Abaumann und Julian von Hansemann.

Gemetzel, Trümmer und Kannibalismus

Das Gemetzel am Schluss kommt ohne Schwertkampf und abgeschlagene Köpfe aus. Dafür schockt Gockel mit Kannibalismus. Die weibliche Revolution frisst ihre Kindsköpfe. Brunhild und Kriemhild triumphieren auf den Trümmern ihres Schlachtfeldes, auf dem die Kultur als Brettlbude zu Grabe getragen wird und die Beine der hölzernen Riesin wie das World Trade Center an 9/11 in den verrauchten Himmel ragt.

Gewaltige Bilder helfen über Längen hinweg

Gewaltige Bilder, die Jan Christoph Gockel mit seiner Bühnenbildnerin Julia Kurzweg entworfen hat. Das lässt vielleicht so manchen durchhalten, der an diesem Abend vielleicht lieber eine knackige Kurzfassung gesehen hätte.

Doch #metoo ist noch lange nicht vorbei: Denn da sind noch die drei Nornen als fleischgewordener Männerschreck; jenseits der Wechseljahre mit wucherndem Schamhaar und gewaltigen Hängebrüsten, die den Untergang als schwatzhafte Seherinnen voraussagen – großartig von Armin Dillenberger, Marin Herrmann und Johannes Schmidt gespielt.

"Die Nibelungen. Ein deutsches Trauerspiel nach Friedrich Hebbel" am Staatstheater Mainz in der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel. Die nächsten Aufführungen am 2.5., 8.5., 13.5., 20.5., 25.5. und 2.6.2018.

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