Opernkritik | "Lucio Silla" in Karlsruhe Mozart als gruselige Gothic Opera

Am 9.7.2018 von Monika Kursawe

Im Herbst schon konnte man Tobias Kratzers Inszenierung von "Lucio Silla" im La Monnaie in Brüssel erleben, am 8. Juli hatte nun die Koproduktion in Karlsruhe Premiere – mit demselben Bühnenbild, aber einer völlig neuen Sängerriege. Monika Kursawe hat zugehört.

Blick in menschliche Abgründe

Gerade einmal 16 Jahre alt war Wolfgang Amadeus Mozart, als er seine Oper "Lucio Silla" komponiert hat. Im Zentrum der Handlung steht der römische Diktator Lucius Cornelius Sulla Felix und dessen historisch verbürgter, völlig überraschender Rücktritt.

Das erstaunlichste an dieser Oper ist, wie tief der junge Mozart musikalisch hier schon in menschliche Abgründe blickt – und damit immer wieder an die Düsterkeit in sehr viel späteren Opern wie "Don Giovanni" oder dem Requiem erinnert – bzw. diesen vorgreift. Diese ständige Todessehnsucht in der Musik, auch Ombra-Motivik genannt, greift auch die Inszenierung von Tobias Kratzer auf.

Im Fokus: die Reichen und Mächtigen

Über den noch geschlossenen Vorhang flimmern während der Ouvertüre Filmmontagen: John F. Kennedy mit Familie am Pool, Putin beim Angeln auf einer Jacht, ein fröhlich lachender Kim Yong Un, Donald Trump beim Tennis. Dazwischen immer wieder Nahaufnahmen einer verstümmelten Barbie-Puppe, eines umherstreifenden Wolfs, einer blutsaugenden Stechmücke.

Noch bevor auch nur ein Ton gesungen wird, ist die Stoßrichtung dieser Inszenierung schon klar: es geht um die Reichen und Mächtigen und darum, wie diese ihren Reichtum und ihre Macht erhalten – in dem sie nämlich das Volk im wahrsten Sinne des Wortes aussaugen.

Mozarts Oper "Lucio Silla" am Badischen Staatstheater Karlsruhe Die Inszenierung in Bildern

James Edgar Knight (Lucio Silla), Ekaterina Lekhina (Giunia), Franco Fagioli (Cecilio), Ensemble, BADISCHER STAATSOPERNCHOR (Foto: Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg)
James Edgar Knight (Lucio Silla), Ekaterina Lekhina (Giunia), Franco Fagioli (Cecilio), Ensemble, Badischer Staatsopernchor Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
James Edgar Knight (Lucio Silla) Pressestelle Badsiches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Szenenbild Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Ekaterina Lekhina (Giunia), Uliana Alexyuk (Celia) Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Franco Fagioli (Cecilio), Uliana Alexyuk (Celia) Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Uliana Alexyuk (Celia) Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen
Ensemble, Badischer Staatsopernchor Pressestelle Badisches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg Bild in Detailansicht öffnen

Präzises Psychogramm eines Narzissten

Der römische Diktator Lucius Cornelius Sulla Felix ging in die Geschichtsbücher ein als kontrollsüchtiger, grausamer Autokrat – unfähig, Privates Ich und Staatsräson zu trennen. Parallelen zu heutigen Machthabenden sind da natürlich äußerst naheliegend. Glücklicherweise verzichtet Regisseur Tobias Kratzer aber darauf, diese Parallelen auszubuchstabieren. Er zeigt keinen tatsächlich Regierenden, er zeichnet viel mehr ein sehr präzises Psychogramm eines Narzissten und wie sich dessen kranke Persönlichkeitsstruktur auf sein Umfeld auswirkt.

Düstere Musik, düstere Farben

Genau wie die Musik von Mozart, sind Inszenierung und Bühnenbild in düsteren Farben gehalten. Die Übergänge von Realität und Albtraum sind fließend, immer wieder bedient sich Kratzer beim Horrorgenre – wenn er zum Beispiel die Darsteller zwischen Grabsteinen nach Blut lechzen lässt, wie Vampire.

Der Diktator Silla residiert in einem grauen Bungalow aus Stahlbeton und Glas, jeder kleine Winkel ist videoüberwacht. Das so erzeugte Material läuft ständig über dutzende Bildschirme und wird von Lucio Silla persönlich gesteuert. Er springt immer wieder zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her, spult vor und zurück – besonders an den Szenen in denen Blut fließt, bleibt er immer wieder hängen, berauscht sich förmlich an ihnen.

James Edgar Knight (Lucio Silla) (Foto: Pressestelle Badsiches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg)
James Edgar Knight (Lucio Silla) Pressestelle Badsiches Staatstheater Karlsruhe - Foto: Falk von Traubenberg

Sängerfest

James Edgar Knight verkörpert diesen gewalttätigen Herrscher hervorragend. Überhaupt ist "Lucio Silla" in Karlsruhe ein wahres Sängerfest, in dem hauseigene Sänger wie Knight oder die Sopranistin Uliana Alexyuk den beiden international gefeierten Stars Ekaterina Lekhina und vor allem dem überragenden Countertenor Franco Fagioli in nichts nachstehen. Sie leben diese federleichte und zugleich abgründige Musik in jedem Ton.

Sehr fein und durchsichtig musiziert auch die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig, wenn auch phasenweise ein wenig zu brav. Da hätte man sich gelegentlich den ein oder anderen Temperamentsausbruch gewünscht. Dennoch ist "Lucio Silla" in Karlsruhe eine rundum gelungene, sehr kurzweilige Inszenierung, eine Gothic Opera,in der man sich lustvoll gruselt.

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