Tanzproduktion von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern Amüsant und rasant: FeMale

Von Natali Kurth

In einem zweiteiligen Tanztheaterabend am Pfalztheater Kaiserslautern beschäftigen sich Ballettdirektor James Sutherland und Gastchoreograf Francesco Nappa mit zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch mit dem eigenen „ich“.

Das Leben des anderen: undeutlich und entfernt

Ein nur schwer verständlicher telefonischer Monolog mit miserabler Leitung eröffnet das Tanzstück „FeMale“ von Ballettdirektor James Sutherland. Die Worte könnten symbolisch für eine Fernbeziehung stehen, bei der man abends sich nochmal schnell meldet, im Grunde aber vom Leben des anderen nicht viel mitbekommt. Es könnte auch ein Kontrollanruf sein – ist der andere zuhause, was macht er und wenn mit wem? Im schlimmsten Fall erreicht man nur den Anrufbeantworter.

Zum Titel „Wrong Number“ des Innerzone Orchestras sind sechs Tänzer und Tänzerinnen in Alltagskleidung, Jeans, Shirt oder Hemd zunächst mit sich selbst beschäftigt. Ihre Blicke laufen anfangs ins Leere. Trotzdem strecken die Tänzer immer wieder ihre Arme nach vorne, als suchten sie einen Partner, Nähe oder eine Umarmung. Den Hintergrund bilden Großaufnahmen von Hautpartien der Tänzer, mit Narben oder Muttermalen. Die Haut ist die Grenze, die das „ich“ vom „wir“ trennt.

FeMale, Tanzstück in Kaiserslautern Teils amüsant, teils rasant

FeMale, Tanztheater Kaiserslautern (Foto: Pressestelle, Pfalztheater Kaiserslautern -)
Den Anfang des Abends macht eine Choreografie des Ballettdirektors James Sutherland. Die Tänzer tragen Straßenkleidung und deklinieren alltägliche Beziehungskonstellationen durch: Hier kämpfen mehrere Männer um eine Frau. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Geschlechterkampf: Tänzerin Daniela Castro Hecchavarría in einem konfliktreichen Duett mit Davide Degano. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Die homosexuelle Beziehung dieser zwei Frauen läuft da schon harmonischer. Carlotta Squeri und Vittoria Carpegna lenken sich gegenseitig mit Blicken und zarten Berührungen, als wären sie ihr eigener Schatten. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Männer kämpfen um eine Frau. Am Ende geht diese entkräftet zu Boden. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
In Francesco Nappas Choreographie tragen die Tänzer Schleier – eine Anspielung auf Schwanensee? Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Hautenge Kostüme suggerieren Nacktheit. „InsideOut“ liefert einen teils amüsanten, teils rasanten Blick auf die verschiedensten Persönlichkeiten. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Choreograf Francesco Nappa arbeitet teils widersprüchliche Charaktere heraus. Sie tragen ein zweites Gesicht. Die Masken der Tänzer sind später auf dem Hinterkopf. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Vittoria Carpegna im von Francesco Nappa kreierten Rüschenkleid aus Silberfolie. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen
Das große Finale einer gelungenen Choreografie. Der zweiteilige Tanzabend „FeMale“ wird wieder am 22. und 27. November im Kaiserslauterer Pfalztheater getanzt. Pressestelle Pfalztheater Kaiserslautern - Bild in Detailansicht öffnen

Wie werden aus isolierten Einzelnen Paare?

James Sutherland forscht nach den Ursprüngen, die aus einem Einzelnen ein Paar machen. Er lässt Duos und Trios in ganz unterschiedlichen Konstellationen zusammentreffen, arbeitet feinfühlig Details heraus und stellt sie gegenüber. Ein kraftvolles Männerduo, bei dem die gleichgeschlechtliche Liebe sich erst finden muss, zwei Frauen, die sich mit Blicken und zarten Berührungen lenken, als wären sie ihr eigener Schatten, eine konfliktreiche Dreierkonstellation, die am Ende eskaliert, sodass eine Frau entkräftet zu Boden geht.

Die Choreografie FeMale zeichnet in moderner Tanzsprache die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen nach - ein überzeugendes Kammerspiel.

Zitate aus der Ballettgeschichte

Im zweiten Teil des Abends fesselt Gastchoreograf Francesco Nappa mit seiner episodenhaften Choreographie „InsideOut“, bei der er unkonventionell aus der Ballettgeschichte zitiert.

Sein Männer-Solo zum Auftakt erinnert in einigen Zügen an Vaslav Nijinskys 1912 uraufgeführtes Werk „Nachmittag eines Faun“. Die typischen Posen im Knien, die Sprünge, die diagonalen Laufwege. Dann ist das ganze Ensemble wieder in weiße Schleier gehüllt, eine homogene Gruppe, geheimnisvoll, unergründlich und verletzlich. Hier stand wohl der „Schwanensee“ Pate.

Teils amüsante, teils rasante Bilder

Und wenn das Ensemble zu heftigen Beats als anonyme Gruppe in hautengen und hautfarbenen Trikots aufläuft, dann ist das ein Link zu der israelischen Choreographin Sharon Eyal, die gerade mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet wurde. Inwieweit hier geklaut, kopiert, verändert oder zitiert wird, spielt keine Rolle.

Francesco Nappa findet teils amüsante, teils rasante Bilder für seinen Blick auf ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Die schließt er mit einem wunderbaren Frauensolo ab, für das er eigens ein Kostüm aus Silberfolie mit wallenden Rüschen kreiert hat.

Zurecht begeisterter Applaus.

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