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Ein ungewöhnliches Erfolgsformat am privaten Mannheimer Theater Felina-Areal startet in das neue Jahr. Sascha Koal und sein Schauspielteam erinnern alle ein bis zwei Monate spielerisch und hintersinnig, heiter und traurig an prominente und minder prominente Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die gerade von uns gegangen sind. Nach zehn Jahren mit insgesamt „65 Abgängen“ ein großer Publikumsrenner für das Mannheimer Theater Felina-Areal. Mit rührenden und sehr witzigen Nummern.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Bühne Rührende „Abgänge”: Theater Felina-Areal in Mannheim würdigt verstorbene Promis

Der Schauspieler O.W Fischer im Film "Komm süßer Tod" von 1977 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, akg-images)
Für die nächste Vorstellung hat Sascha Koal wieder einen alten Dialog aus „Liebesvögel“ ausgegraben („Komm süßer Tod“ mit O.W. Fischer in seiner letzten Rolle): „Der Film ist gedreht worden von Mario Ciano“, so Koal. „Für den haben wir das damals auch gelesen. Das ist ein paar Jahre her.“ akg-images Bild in Detailansicht öffnen
„Jetzt“, so Sascha Koal, „machen wir das für Claudine Auger, die unter anderem in ,Feuerball‘ ein James-Bond-Girl gespielt hat.“ In „Liebesvögel“ von 1969 spielt Auger eine Ehefrau, die beim Besuch auf einem rätselhaften Schloss von dem Grafen und seiner jungen Schwester (O.W. Fischer und Christine Kaufmann) vor ihre sexuellen Abgründe geführt wird, im Comic-Ton nachgespielt vom Felina-Team: „Du magst unser Haus nicht? Warum eigentlich nicht, Marina?“ – „Aaach…“ – „Was hast Du, fühlst Du Dich nicht wohl?“ – „Entschuldigen Sie, ich gehe Ihnen nur auf die Nerven, nicht wahr?“ – „Deine Haut ist wie Samt, so weich…“ – „Ooooh…“ Imago HA Bild in Detailansicht öffnen
Seit zehn Jahren erinnern Sascha Koal (links) und sein Schauspielteam an mehr oder minder prominente Abgänge. Elisabeth Auer (2.v.l): „Wir benutzen nur Originaltexte, Originaldialoge, Texte aus Büchern, die die damals Beteiligten geschrieben haben.“ - Außerdem auf dem Bild: Hedwig Franke und Monika Margret-Steger. Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Bei besonderen Abgängen gibt es manchmal sogar Requisiten, so Sascha Koal: „Vor kurzem ist ja Ferdinand Piech gestorben. Wir haben hier einen Porsche gehabt - und da habe ich es mir wirklich erlaubt, den an die Wand zu fahren. Das musste mal sein…“ Holger Hollemann Bild in Detailansicht öffnen
Für manche Abgänge bereitet das Schauspielteam auch schon mal Kostüme vor – so wie Hedwig Franke im Fall von Karel Gott: „Er war oft im Krankenhaus, und wir haben ihm die Daumen gedrückt, dass er es doch schafft. Ich bin im Biene-Maja-Kostüm aufgetreten und habe den Biene-Maja-Song gesungen… Wir haben Karel Gott verehrt.“ Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Die „Abgänge“ sind stets eine Gratwanderung – aber Autor Sascha Koal gelingt es, auch nach zehn Jahren und 65 Ausgaben der „Abgänge“ immer die Balance zu halten: „Würde ist immer dabei. Das heißt, wir machen uns über die Abgänge, die Prominenten, nicht lustig. Humorvoll geht es zu, aber nicht auf Kosten der Prominenten, die gestorben sind. Wir haben manchmal auch eigene Kollegen verabschiedet, die mitgelesen haben. Gerhard Piske ist da zu nennen, der wirklich in zwei Drittel aller Folgen mitgemacht hat, bis er dann selbst gestorben ist.“ - Auf dem Bild: Gerhard Piske (vorn) als Hitler in einer Aufführung von Taboris „Mein Kampf”, 1988. Markus Thelen Bild in Detailansicht öffnen
Das funktioniert dann auch mal mit Weiterspinnen biografischer Details wie 2014, beim Abgang von Ernst Albrecht, ehedem Ministerpräsident von Niedersachsen, erinnert sich Ursula Auer: „Ernst Albrecht hatte insgesamt sieben Kinder. Eine seiner Töchter ist Ursula von der Leyen (links), die mit ihrem Mann ebenfalls sieben Kinder hat. Nun liegt der Verdacht nah, dass es s ich hier um eine Art Vererbung eines ausgeprägten Kinderwunsches handelt. Nehmen wir an, jedes Kind von Albrecht hat diese Lust auf Nachkommen geerbt und gibt sie auch immer fleißig weiter, dann werden nach weiteren sieben Generationen, also in 245 Jahren, zeitgleich 40 Millionen 353 tausend 607 Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Ernst Albrecht existieren. Das bedeutet, nach aller Wahrscheinlichkeit, über 20 Millionen blonde, schnittige, multifunktionale Ursulas.“ Imago Star-Media Bild in Detailansicht öffnen
Tempi Passati. Das Leben, genauer das Ableben, geht weiter voran und sorgt für die gesicherte Zukunft der Abgänge am Mannheimer Theater Felina Areal. Heute Abend verabschiedet das Team von Sascha Koal unter anderem Jan Fedder, Gerd Baltus und Franz Mazura. Mittlerweile habe man etwa 2.000 bis 2.300 Prominente beerdigt, so Sascha Koal, „in absoluter Würde“. Angelika Warmuth Bild in Detailansicht öffnen

„Abgang. Gedenken an kürzlich verstorbene Prominente” im Theater Felina-Areal in Mannheim. Nächste Vorstellung am 28. Januar 2020.

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