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Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Eine der populärsten Opern überhaupt ist Georges Bizets „Carmen“. Die Melodien kennt fast jeder, das Setting – das Spanien der Zigeuner und des Stierkampfmilieus – wirkt heute überholt. Wie bricht man aus dieser langen Rezeptionstradition aus?

Für diese Herausforderung hat die Oper Mannheim eines der gefragtesten Regietalente engagiert: Yona Kims „Carmen“-Inszenierung entlarvt die Klischees und Phantasmagorien der althergebrachten Rezeptionen. In Mannheim entsteht ein faszinierendes Bühnenspiel, das konterkariert wird von einer enttäuschenden musikalischen Umsetzung.

„Carmen“ von George Bizet am Nationaltheater Mannheim

„Carmen“ am Nationaltheater Mannheim (Foto: Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel)
Das Spanien in Georges Bizets „Carmen“ ist eine Phantasmagorie. Das macht Yona Kim mit ihrer Inszenierung am Nationaltheater Mannheim deutlich. Es gibt zwar Mantillas, Picadores, spanische Polizeiuniformen, katholische Kirche und Flamenco-Tänzer wie in Carlo Sauras Filmversion, aber das sind Verweise auf die Bühnenrezeption der Oper. Im Bild (von links): Eunju Kwon (Micaëla), Irakli Kakhidze (Don José), Lucia Astigarraga (Lillas Pastia), Jelena Kordic (Carmen) und Evez Abdulla (Escamillo). Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
In Mannheim dominiert ein Kasten in grauem Beton mit einer verschiebbaren Kulissenwand, die den Blick auf eine Treppe freigibt, auf der der showartige Auftritt von Carmen mit der berühmten Habanera stattfindet oder die als Empore der Stierkampfarena am Ende dient. Im Bild (vorne links): Lucia Astigaragga (Lillas Pastia), hinten von links: Martiniana Antonie (Mercédès), Jelena Kordic (Carmen) und Nikola Hillebrand (Frasquita) sowie der Chor des NTM. Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Es geht um das Spiel im Spiel, um Vortäuschung und Enttäuschung. Hierauf basiert die fatale Liebesgeschichte des braven Soldaten Don José zu Carmen, der Außenseiterin. Auf der Bühne entfaltet sich ein surrealistischer Bilderreigen aus Liebe, Begehren, Sex und Gewalt als Totentanz. Er enthüllt die andere Phantasmagorie Bizets: die der Carmen als Femme fatale, die doch eigentlich nur ihre Freiheit will. Im Bild: Jelena Kordic (Carmen) Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
In dieser von Polizisten, abgehalfterten Stierkämpfern, Kleinkriminellen und Priestern dominierten Männerwelt zieht eine mephistophelische Figur die Strippen: der zur Frau mutierte Schankwirt Lillas Pastia, bei Bizet eine eigentlich unbedeutende Nebenrolle. Ihr sind auch Teile der gesprochenen Dialoge anvertraut. Im Bild (stehend von links): Jelena Kordic (Carmen) und Lucia Astigarraga (Lillas Pastia) mit dem Damenchor des NTM. Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Konterkariert wird das schlüssige Regiekonzept von der musikalischen Umsetzung. Durch die starke Reduktion der gesprochenen Dialoge folgt eine musikalische Nummer der anderen. Bizets geniale Mixtur aus Tanzliedern, Lyrismus, Massenszenen, Operette und Vaudeville glättet Mark Rohde am Dirigentenpult mit überwiegend zähen Tempi zum durchkomponierten Musikdrama. Im Bild: Evez Abdulla (Escamillo) und Jelena Kordic (Carmen) Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Doch das will Bizets „Carmen“ eben nicht sein. Es war ja gerade ihre „nicht schwitzende“, leichte, also menschliche Musik, die Nietzsche als Gegenentwurf zum Wagnerschen Musikdrama so fasziniert hat. Im Bild vorne: Irakli Kakhidze (Don José), hinten: Evez Abdulla (Escamillo) Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Auch die sängerische Leistung ist eher durchschnittlich-konventionell. Jelena Kordics Carmen ist fast zu dunkel für die erotische Stimmverführung. Iraki Kakhidze gibt Don José als italienischen Heldentenor mit greller Höhe. Evez Abdullas Matador Escamillo hat darstellerisch wie stimmlich bessere Tage gesehen. Im Bild (vorne von links): Evez Abdulla (Escamillo) und Irakli Kakhidze (Don José), hinten: Jelena Kordic (Carmen). Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Die Nebenrollen sind solide, der Chor großartig. Im Bild (von links): Evez Abdulla (Escamillo), Lucia Astigarrada (Lillas Pastia), Eunju Kwon (Micaëla), Irakli Kakhidze (Don José) und Jelena Kordic (Carmen) sowie der Chor des NTM. Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Allein Eunju Kwon als Micaela ragt mit ihrer klangschönen und schlanken Stimme heraus. Sie ist auch durch die Regie von Yona Kima zur dauerpräsenten Gegenspielerin der Carmen aufgewertet. Nur dass sie stimmlich die Titelfigur überragt, ist ein Problem. Denn die Oper heißt nun einmal „Carmen“. Im BIld: Eunju Kwon (Micaëla) Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Das Fazit der Mannheimer Aufführung: eine faszinierende Inszenierung, aber musikalisch unbefriedigend. Im Bild: Evez Abdulla (Escamillo). Nationaltheater Mannheim / Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen

„Carmen“ von George Bizet in der Inszenierung von Yona Kim läuft noch bis zum 25.4.2020 am Nationaltheater Mannheim.

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