Bühne

„Fabian oder der Gang vor die Hunde“ am Schauspiel Stuttgart: Verfall der Sitten in unsicherer Zeiten

STAND
AUTOR/IN

Mit „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ zeigt das Schauspiel Stuttgart ein satirisches Epochengemälde der Weimarer Republik — mit deutlichen Bezügen zu heute. Erich Kästners wollte mit seinem Roman „vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherte“. Als rasante Revue bringt der ungarische Regisseur Viktor Bodó das Stück auf die Bühne. Und mahnt vor einem Abdriften des noch größtenteils demokratischen Europas.

Audio herunterladen (3,6 MB | MP3)

Die Hauptperson bleibt distanzierter Beobachter

Der arbeitslos gewordenen Werbetexter Jakob Fabian durchstreift das Berliner Nachtleben und betäubt sich mit Vergnügungen. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó zeichnet Fabian als distanzierten Beobachter, der versucht, sich aus allem rauszuhalten.

Eine bequeme, aber extrem demokratiegefährdende Haltung, die auch heute viele einnehmen. Eine Anstellung bei einem rechten Blatt lehnt Fabian aus moralischen Gründen allerdings ab. In den politischen Konflikt zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten mischt er sich jedoch nicht ein. Er bleibt ein Beobachter, der am Rand steht.

Fabian oder der Gang vor die Hunde (Foto: Pressestelle, Thomas Aurin)
Im aufgeheizten Berlin tummeln sich Arbeitslose, Verzweifelte, Prostituierte. Ein Tanz auf dem Vulkan, der Glanz der Goldenen Zwanziger bröckelt. — Im Bild: Sylvana Krappatsch mit Ensemble Pressestelle Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Soweit diese riesige Stadt Berlin aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich ihrer Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. In allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang. — Im Bild: Teresa Annina Kofmacher, Felix Strobel, Celina Rongen, Gábor Biedermunn, hinten: Anna Maria Zeilhofer Pressestelle Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Viktor Bodó schöpft mit seinem Team am Schauspiel Stuttgart aus dem Vollen. Er lässt die Drehbühne kreisen, fährt das komplette Bühnenbild hoch, wenn die Zuschauer*innen mit abtaucht in unterirdische Clubs, in denen Leder und Latex dominieren. — u. a. im Bild: Gabriele Hintermaier, Michael Stiller, Sylvana Krappatsch, Teresa Annina Korfmacher, Paula Skorupa, Anna Maria Zeilhofer, Josephine Köhler, Celina Rongen Pressestelle Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Das Ensemble agiert oft im gleißend blendenden Licht der Scheinwerfer: Ein riesiges Schattenspiel inclusive. Und immer wieder deutet sich das aufkommende Grauen an. — Im Bild: Teresa Annina Korfmacher, Valentin Richter, Liliana Merker, Paula Skorupa, David Müller, Gábor Biedermann, Sylvana Krappatsch, Gabriele Hintermaier und Anna Maria Zeilhofer Pressestelle Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen

Kästners Text funktioniert auch heute

Als rasante Revue bringt der ungarische Regisseur Kästners satirisches Sittengemälde auf die Bühne. In den Bars und Puffs geht es drunter und drüber. Mitreißend singt, steppt und tanzt das spielfreudige 16-köpfige Ensemble im Zwanziger-Jahre Fummel über die Bühne.

Fabian oder der Gang vor die Hunde (Foto: Pressestelle, Thomas Aurin)
Viktor Bodó legt die meisten Charaktere als Karikaturen an, ohne dass es nervig wird. — Im Bild: Paula Skorupa und Gabór Biedermann mit Ensemble Pressestelle Thomas Aurin

Erich Kästners scharfzüngiger Text und sein Witz funktionieren noch bestens. Letztlich geht es im Stück auch um soziale Gerechtigkeit, sexuelle Ausbeutung – und das Aufkommen rechtspopulistischer Kräfte. Nach einer unglücklichen Liebschaft und dem Selbstmord seines besten Freundes flieht Fabian aus Berlin.

Wohin driftet Europa — damals wie heute?

Er ertrinkt, als er einen Jungen aus einem Fluss zieht, weil er selbst Nichtschwimmer ist. „Lernt schwimmen“ blinkt am Ende eine Leuchtschrift auf. Als „mischt Euch ein“, könnte man das auch interpretieren. Denn wer weiß, wohin das größtenteils demokratische Europa sonst noch driftet. Es ist bestimmt kein Zufall, dass ein ungarischer Regisseur, diese Botschaft ans Ende dieses gelungenen Abends setzt.

Die nächsten Vorstellungen von „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ in der Inszenierung von Viktor Bodó am Schauspiel Stuttgart finden am 21., 22. und 23. März, sowie 14. April 2022 statt.

Film „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf

„Fabian oder der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf  mehr...

Film Detlev Buck bringt „Felix Krull“ ins Kino: Vor allem opulentes Ausstattungskino

Es sei ein großes Thema unserer Zeit, dass Felix Krull etwas darstelle, das er nicht ist. Mit diesem Claim kommt „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mit Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Detlev Buck ins Kino. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann aus dem Jahre 1954.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Zeitwort 26.11.1931: Erich Kästner stellt „Pünktchen und Anton“ vor

Das reiche Mädchen Pünktchen und der arme Junge Anton werden Freunde. Kästner ist einer der ersten, der in einem Kinderbuch soziale Ungerechtigkeit aufgreift.  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

STAND
AUTOR/IN