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"Exodus" von DJ Stalingrad an der Berliner Volksbühne "Terrorkampagne mit Musik"

Kulturthema am 30.3.2016 von Ina Beyer

Alexander Scheer hat ja schon Übung. Bereits in Frank Castorfs Inszenierung "Die Brüder Karamasow", in der er eine der Hauptrollen spielt, zitiert er ausführlich aus "Exodus". Nun steht er wieder auf der Volks-Bühne als Exeget dieses wütenden Textes.

Als Schauspieler und Sänger. "Terrorkampagne mit Musik" ist der Abend überschrieben. Ein krasses Konzert. Mit der Metal-Combo "The new world order". All die Brutalität, das Blut, die Schläge überführt in krachende Beats. Direkt übersetzt. Klanglich illustriert. Eindeutig übertragen. Das ist das Prinzip dieser hochenergetischen aber eben auch sehr geradlinigen Inszenierung.

Der Text "Exodus" von Pjotr Silaew ist ein einziges Horrorszenario. Zeile für Zeile, Seite für Seite schlagen sich Jungs die Schädel ein. Die Knochen zu Brei. Immer und immer wieder. Bei Konzerten, Demonstrationen, Fußballspielen. Jugendliche untereinander, Polizisten, alle schlagen blind um sich. Der Leser nimmt Teil an einem Höllenritt. Ist mit dem Erzähler mitten drin im Gewaltrausch. Erklärt wird nichts. Immer nur geprügelt. Erst am Ende des Buches gibt es vagen Aufschluss. Im Kapitel "Backstage" erfährt man von der anarchistisch-linksradikalen Gesinnung des Berichterstatters, der sich als Punk mit den Neonazis anlegt, von der gewalttätigen Mutter, die ein Kinderleben lang grün und blau geschlagen wurde. Von der letzten Generation, die in der Sowjetunion geboren wurde und damit verloren ging, im Wandel der Werte und Ideologien und seither im wahrsten Wortsinne ankämpft gegen die korrupten Oligarchen. Immer mehr werdenden Neonazis, neuen Machthaber, hemmungslosen Polizisten.

Sie brüllen los. Sie wehren sich mit Gummiknüppeln und versuchen die Anstifter festzunehmen. Dafür bekommen sie von uns Tritte in die Fresse. Sie umzingeln die Autos, die Situation gerät langsam außer Kontrolle, ein hysterischer Scheißer schießt Salven mit seiner Kalaschnikow und brüllt: "Ich knall euch alle ab - Pack! Auf die Knie!"

Fünf Schauspieler und drei Musiker brennen hier in unterschiedlichsten Rollen. Immer widerständisch, wütend, wild. Aber leider auch gänzlich wahllos, ob als Super- oder Batman verkleidet - auch die bitterböse Jokermaske trägt jeder einmal - ob als Jesus oder Mütterchen Russland, als Märchenerzähler oder gar als der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, der sich nackt in Stacheldraht wickelte oder seine Hoden auf dem Roten Platz festnagelte und schließlich die Tür des Inlandsgeheimdienstes FSB anzündete, wofür er in die Psychiatrie wanderte.

Es sind immer wieder nur unterschiedliche Gewänder, in denen die Protagonisten hier stets das selbe erzählen. Regisseur Sebastian Klink verzichtet vollständig auf die Erklärungen aus dem Buch, die Hintergründe. Er begnügt sich mit einer Aneinanderreihung von szenischen Einfällen, Songs und Bebilderungen, um die Atmosphäre des Textes herzustellen. Das gelingt durchaus momenthaft - nicht zuletzt dank der unter Starkstrom stehenden Spieler - aber der Gesamtzusammenhang stellt sich nicht her. Es folgt Bericht auf Bericht über schwere Schlägereien. Erklingt mal ein Exkurs über Rebellion oder Religion. Oder ein optimistisches Liedchen gegen die Resignation.

Und so dreht sich die Arbeit im Kreis ihrer allzu beliebig wirkenden Assoziationsfreude immer weiter fort. Bleibt gefangen im oberflächlichen Bilderrausch wie die mitwirkenden Musiker in dem runden Drahtkäfig, der sie umgibt. Ausbrechen unmöglich.

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