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Bühne Politisches Theater der Jüngeren: Das „Europa Ensemble“ in Stuttgart

Von Karin Gramling

Das „Europa Ensemble“ geht zurück auf eine Initiative des Stuttgarter Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski, gefördert aus Mitteln der Bundesstiftung für Kultur. Theatermacherinnen und -macher aus ganz Europa werfen einen wachen Blick auf ihren Kontinent - und entdecken vieles, was schiefläuft. In einer rasanten Inszenierung präsentiert der künstlerische Leiter des Ensembles Oliver Frljić in Stuttgart seine erste Produktion, „Imaginary Europe“.

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Bühne

Bilder zu „Imaginary Europe“ am Schauspiel Stuttgart

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Gleich zu Beginn ist klar: „Imaginary Europe“ ist alles andere als ein normaler Theaterabend. Das verkündet im Glitzerfummel und mit Krone der kroatische Schauspieler Adrian Pezdirc (rechts): „We are here to entertain you. Tonight, you are about to see a shipwreck of Sprechtheater! You are gonna see Europe falling apart and coming together again.“

Gleich zu Beginn ist klar: „Imaginary Europe“ ist alles andere als ein normaler Theaterabend. Das verkündet im Glitzerfummel und mit Krone der kroatische Schauspieler Adrian Pezdirc (rechts): „We are here to entertain you. Tonight, you are about to see a shipwreck of Sprechtheater! You are gonna see Europe falling apart and coming together again.“

Der Schiffbruch des Sprechtheaters. Europa driftet auseinander und kommt wieder zusammen. Das mündet in einen assoziativen Abend, der bewusst überfordern will. Die Zuschauer bekommen Bilder statt Worte. Von ihnen lässt sich Regisseur Oliver Frljić auf der Suche nach einer Utopie für Europa inspirieren.

Auf dem Bild: Tina Orlandini, Claudia Korneev und Adrian Pezdirc.

Von Malewitschs „Schwarzem Quadrat“, Delacroix' „Die Freiheit führt das Volk“ und Géricaults „Das Floß der Medusa“. Zusammengebaut aus kleinen Holztäfelchen liegen die Bilder auf der ansonsten leeren Bühne. Die Schauspieler toben auf ihnen herum. In folkloristisch angehauchten Klamotten, zwischen Lederhosen-Chique und Torerojäckchen.

Dabei erschaffen sie eindrückliche Bilder - teilweise vollkommen nackt, etwa auf Gericaults Gemälde, das vom Schiffbruch der Medusa 1816 erzählt. Bei dem von 150 Menschen nur 15 auf einem Floß überlebten. Was sie einem skandalösen Zivilisationsbruch verdankten. Die Zuschauer hören Berichte von Zeitzeugen.

Auf dem Bild: Tenzin Kolsch, Jasmina Polak, Claudia Korneev.

Die Unglücklichen, welche der Tod in der grauenvollen Nacht verschont hatte, fielen über die Leichname her, mit denen das Floß bedeckt war, und teilten sie in Stücke, die von einigen auf der Stelle verschlungen wurden. Viele andere, und darunter die meisten Offiziere rührten sie nicht an. Da man sah, dass diese schreckliche Speise denen, welche sie genossen, etwas Kräfte gab, so kam man auf den Einfall sie zu trocknen, um sie womöglich schmackhafter zu machen.

In einigen Szenen läuft den Schauspielern Theaterblut aus dem Mund, als sie sich über einen am Boden liegenden Körper beugen, so als ob sie ihn verspeisen würden. Dann schreiben sie „Europa“ auf den blutverschmierten Körper. Kannibalisiert sich Europa vielleicht gerade selbst?

Eine Flut von möglichen Assoziationen prasselt auf die Zuschauer ein. Die Schauspieler zitieren passend zum Gemälde, zum Beispiel aus „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss.

Aufgelockert wird der Abend durch die zum Teil witzigen Szenen, in denen sich das Europa Ensemble vorstellt und mit verteilten Rollen, die eigenen Biografien erzählt. Zum Beispiel gibt es Einblicke in das schwierige Leben von Homosexuellen im rechtspopulistischen Kroatien, die keine Kinder adoptieren können.

Auf dem Bild: Tenzin Kolsch, Jasmina Polak und Tina Orlandini.

Es geht um Diskriminierung, Antisemitismus, Populismus, Islamophobie, die Macht der katholischen Kirche, die noch bleiern auf vielen Ländern liegt. Am Ende darf Jesus vom Kreuz herunter schimpfen auf den Brexit als postkolonialen „Furz“ des britischen Empires.

Manches gerät ein bisschen zu lang, aber die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler aus Polen, Deutschland und Kroatien umreißen, worüber wir alle diskutieren müssten, wenn ein gemeinsames Europa keine bloße Utopie bleiben soll. Ein rasanter Auftakt für das herausragende jungen Ensemble, von dem man in Zukunft gerne noch mehr sehen möchte.

3:20 min | Do, 11.4.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Bühne

Rasantes Theater: Das „Europa Ensemble“ in Stuttgart

Karin Gramling

In einer rasanten Inszenierung präsentieren junge Schauspieler des Europa Ensembles unter Leitung von Oliver Frljić in Stuttgart ihre erste Produktion, „Imaginary Europe“.

Junges europäisches Ensemble mit europäischen Stoffen

Sie sind junge Regisseurinnen und Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler aus verschiedenen europäischen Staaten, darunter Deutschland, Polen, Griechenland und Kroatien. Sie wollen Theater nicht länger mit einer nationalen Brille auf der Nase spielen.

Seit dem ersten Treffen im vergangenem Jahr proben sie für ein junges, europäisches Theater, mit ihrem eigenen „Europa Ensemble“. Viele sind in ihren Heimatländern bereits junge Theaterstars. Und bringen für die Stücke des Ensembles ihre eigenen Sichtweisen, ihr eigenes Problembewusstsein mit.

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Theater

Bilder zu den Proben des „Europa Ensembles“ in Stuttgart

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Adrian Pezdirc (links) ist einer der Stars am Zagreb Youth Theatre. Der junge Kroate sieht es als willkommene Herausforderung, sich in einem europäischen Ensemble zu beweisen. „An meinem Heimatland Kroatien lässt sich zeigen, wie unterschiedlich Europa aufgestellt ist,“ erklärt der 28-Jährige: „Es gibt so viel Schlimmes. Verstöße gegen die Menschenrechte. Alles was mit den Rechtsextremen zu tun hat.“
 
Die deutsche Schauspielerin Claudia Korneev (rechts) kritisiert: „Es geht zu wenig darum, wie Menschen aufwachsen, was Leute fühlen, was sie denken, wie sie aufwachsen sollten.“

Adrian Pezdirc (links) ist einer der Stars am Zagreb Youth Theatre. Der junge Kroate sieht es als willkommene Herausforderung, sich in einem europäischen Ensemble zu beweisen. „An meinem Heimatland Kroatien lässt sich zeigen, wie unterschiedlich Europa aufgestellt ist,“ erklärt der 28-Jährige: „Es gibt so viel Schlimmes. Verstöße gegen die Menschenrechte. Alles was mit den Rechtsextremen zu tun hat.“
 
Die deutsche Schauspielerin Claudia Korneev (rechts) kritisiert: „Es geht zu wenig darum, wie Menschen aufwachsen, was Leute fühlen, was sie denken, wie sie aufwachsen sollten.“

Kroatien, die Heimat von Adrian Pezdirc und das jüngste EU-Mitglied, rückte in den letzten Jahren politisch immer weiter nach rechts. Die Meinungsfreiheit ist gefährdet, Zensur von Kunst und Theatern ist an der Tagesordnung. Die Rechte von Minderheiten werden mit Füßen getreten. Genau wie in Polen, aus dem zwei weitere Mitglieder des Europa-Ensembles stammen (Jan Sobolewski und Tenzin Kolsch). Genug Stoff also für politische Diskussionen.

In Athen lernten sich die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler bei einem ersten Treffen kennen. Adrian Pezdirc war zum ersten Mal in dem von der wirtschaftlichen Krise gebeutelten Land, allein gelassen von Europa in der Flüchtlingskrise und überfüllten Flüchtlingslagern: „Ich war schockiert, das war weit weg von uns auf griechischen Inseln. Im Jahr 2019 hat Europa noch immer Konzentrationslager. Das ist das, was mich am meisten entsetzte.“

Auf dem Bild: Das Ensemble im Gespräch mit Giorgos Maniatis von der Organisation Refugee Issues im City Plaza Hotel, einer selbstorganisierten Flüchtlingsunterkunft.

Das Europa Ensemble sieht Oliver Frljić (rechts, hier mit der Regisseurin des zweiten Projekts in Warschau und dem Stuttgarter Schauspiel-Intendanten Burkhard C. Kosminski) als große Chance: „Künstler sollten unter diesen gesellschaftlichen Umständen nicht in der zweiten Reihe stehen und nur beobachten, was passiert. Wir müssen das aktiver angehen, auch mal ein Risiko in Kauf nehmen, eine kritische Stimme sein in der Gesellschaft. Wir sollten sagen, was die Tatsachen sind.“

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