Ensemble "by Proxy" spielt Opern-Flashmob in Freiburg Müssen Operndiven immer sterben?

Am 6.7.2018 von Florian Rappaport

Die norwegisch-dänische Theatergruppe „by Proxy“ hat in den letzten fünf Wochen in Freiburg klassische Opernrollen hinterfragt und nach neuen Opern-Formaten gesucht. Ihre Ergebnisse zeigen die Künstler gerade mitten in der Stadt, insgesamt acht Performances. „Volksoper“ nennen sie es: Oper zum Zuhören, weitgehend kostenlos.

Pamina voller Todessehnsucht

Auf dem Platz vor dem Theater Freiburg steht eine Art Pavillon, Wände aus Holz und Glas. Überdacht. Sechs auf sieben Meter groß, also relativ klein. „It's a very small house. It's a tiny little thing“, sagt Ylva Owren von der Theatergruppe „by proxy“.

Im Pavillon stehen Stühle, wild verteilt, zwischen denen sich eine Opernsängerin bewegt. Sie ist die Pamina aus der Zauberflöte, voller Todessehnsucht.

Die Vibrationen der Sängerin am eigenen Körper spüren

Ylva Owren: „Es ist also eine intensive Erfahrung, weil man sich die ganze Zeit so nah ist.” Wenn die Sängerin nur einen Meter entfernt steht, spürt man die Vibrationen – im eigenen Körper. Die Sängerin erläutert: „Man bekommt eine körperliche Erfahrung davon, Raum und Stimme korrespondieren.”

Acht Vorstellungen in Freiburg auf der Straße

Oper neu erfinden, für ein neues Publikum. Das war die Aufgabe von „Volksoper“ – ein Pop-up-Projekt: acht verschiedene Veranstaltungen im Theater und drumherum. Vier Tage lang ploppen unkonventionelle Ideen in Freiburg auf: Die Gruppe „by Proxy“ besteht aus sechs Schauspielern, Musikern, Tänzern, Szenografen aus Norwegen und Dänemark – aber nicht aus Opernexperten. Sie singen auch nicht selbst. Das macht das Freiburger Ensemble.

Nicht nur für das hochspezialisierte Opernpublikum

Fünf Wochen lang haben sie hier gemeinsam über einen völlig neuen Zugang zur Oper nachgedacht. Deshalb hat das Theater die Gruppe eingeladen, sagt Tamina Theiß, Dramaturgin am Theater Freiburg: „In der Opernwelt ist das Publikum meist älter, hochspezialisiert. Wie man das aufbrechen kann, hat uns interessiert.“

Vielleicht mag jemand auch Metallica?

Die Reihe hat begonnen mit einem Abend über „Ancient Hits and Modern Classics“. Das Orchester des Theaters spielte Rock-Songs von Metallica, Nirvana.

Anders Firing Aardal sagt darüber: „Vielleicht mag jemand keine Oper, möchte aber Metallica oder eine neue Interpretation eines Metallica-Songs hören. Vielleicht mag auch jemand tanzen. Dann kann er zur Opern-Disco gehen. Und vielleicht sagen die Besucher, dann, ach, Oper, gar nicht so schlecht.“

Warum müssen Sopranistinnen immer sterben?

Auch Ylva fand Opern zunächst ziemlich komisch. Aber dann hat sie etwas entdeckt, was sie fasziniert: „Die Oper ist der Ort, an dem man die größten Emotionen findet. Emotionen, die man nicht mal einfach aussprechen kann, man muss sie singen.”

Doch Ylva hat einen Kritikpunkt: Die Rolle von Frauen in der klassischen Oper: Kaum Komponistinnen, wenige Regisseurinnen in den Opern-Häusern. Und die Sopranistinnen sterben praktisch immer.

Ungleichgewicht der Geschlechter in der Oper

Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern – ob hinter oder auf der Bühne – ist Thema einer eigenen Veranstaltung. Denn auch das ist Teil dieses Pop-Up-Happenings: neben der sinnlichen Erfahrung geht es um Austausch, Diskussion, Workshop – genannt Volksoper-Residency.

Zurück zur Probe: Pamina im Pavillon, nicht nur in Todessehnsucht. In Freiburg stirbt sie auch. Und nicht nur sie, sondern auch 50 weitere Sopranistinnen: Aida, Carmen, Melisande, Lulu, Liu, Mimi. Die meisten werden erstochen, sagt Ylva. Fünf vergiften sich. Zwei ertrinken. Eine stürzt sich von einer Klippe. Eine wird erwürgt. Drei sterben aus Trauer.

Tod aus Untreue - oder in Aufopferung für den Mann

Ylva Owren: „In der klassischen Oper sterben Frauen aus zwei Gründen: Weil sie untreu sind, oder weil sie so treu sind, dass sie sich für einen Mann opfern.”

Kein Platz für Frauen in der Oper? Erstochen oder sonstwie gemeuchelt bekommen Frauen zumindest beim großen Finale am Sonntagabend in Freiburg ihren großen Auftritt: der wirklich letzte Ton der Volksoper.

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