Bühne

Eine Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit: „Verfahren“ von Kathrin Röggla am Staatstheater Saarbrücken

STAND
AUTOR/IN
Jochen Erdmenger

Das Saarländische Staatstheater inszeniert mit „Verfahren“ von Kathrin Röggla ein Theaterstück über den NSU-Prozess und geht mit den berechtigten Enttäuschungen, aber auch mit den überzogenen Erwartungen an die Justiz ins Gericht. Trotz einiger Durststrecken dieses Diskurstheaters, das kein klassisches Gerichtsstück ist, empfiehlt unser Kritiker die Saarbrücker Uraufführung. Das Stück ist eine Koproduktion mit dem Stuttgarter Theater Rampe.

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Weder Gerichtsstück noch Dokumentation

 „Der historische Prozess, auf den sich dieser Abend bezieht, […] war eine für die Öffentlichkeit sichtbare soziale Anstrengung, eine Besichtigung von Wunden.“, heißt es im Theaterstück „Verfahren“ von Kathrin Röggla. Wunden, die bis heute nicht verheilt sind - vor allem nicht bei den Opfern, doch auch nicht in der Gesellschaft. Die bohrende Frage „wie konnten die NSU-Terroristen 13 Jahre lang mordend und bombend unentdeckt durch Deutschland ziehen?“ beantwortet auch das Theater nicht. Es geht vielmehr um unsere Erwartungen an die Justiz als die Instanz für Gerechtigkeit, wenn zuvor Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz versagt haben.

„Verfahren“ ist kein Gerichtsstück, kein Versuch, die Vorgänge im Gerichtsaal zu dokumentieren. Theaterautorin Kathrin Röggla geht es vielmehr um die soziale Dimension: Wir erleben das Verfahren aus Sicht erdachter Prozessbeobachter, die pars pro toto für gesellschaftliche Gruppen und Sichtweisen stehen: Der „Gerichtsopa“, die linksengagierte „Bloggerin“, der „Kollege Strafverteidiger“, der „sogenannte Ausländer“ - sie alle erhoffen sich sehr Unterschiedliches und drängen in den Verhandlungssaal zu diesem Jahrhundertprozess.

Der Prozess kann nicht alles lösen

In der bisweilen grotesk-kafkaesken Übersteigerung mit der in dem Stück alle auf das hohe Gericht starren, wird doch nur umso deutlicher, dass die Gesellschaft die Zuständigkeit für die Aufklärung dieses düsteren Kapitels der Nachwendezeit - die Heilung der Wunden - eben nicht einfach an die Justiz „outsourcen“ kann.

„Denken sie nicht, sie gehen da in eine völlig falsche Richtung, wenn sie diesem Prozess all die Lösung des Komplexes aufbürden?“

Ein Loch in der Bühne - für alle Enttäuschungen und unerfüllten Wünsche

Die leere, komplett weiße Bühne besteht aus miteinander verbundenen und ineinander übergehenden langgezogen Stufen, Rampen und Treppenabsätzen – Sinnbild unterschiedlicher Vorstellungen und Zugänge zu den großen Themen Recht und Gerechtigkeit. In der Mitte ist ein Loch, in dem all die Enttäuschungen über diesen Prozess, all die unerfüllten Wünsche versenkt werden können.

Über gut zwei Stunden kann das aber auch etwas ermüdend sein, gerade wenn man die Hintergründe und Umstände des NSU-Prozesses nicht mehr so parat hat. Und wie das Stück selbst betont, holt uns die Gegenwart ja permanent mit neuen Schreckensmeldungen ein – zuletzt zur Pandemie, aktuell zum Krieg. Es gibt zudem kaum Spielerisches im Sinne einer Handlung auf der Bühne: Stattdessen viel Abstraktion, viel Plädoyer, kurzum: viel Text. Doch der ist eben auch pointiert, präzise und auch voller komischer Momente.

«Ja, wer hätte das gedacht, wer hätte das gedacht, wer hätte das gedacht, dass die unter uns sind!»

Ist Rechtsprechung am Ende auch bloß Theater?

Das Ensemble unter der Regie von Marie Bues versteht es, diese herauszuarbeiten, den drohenden Stillstand in diesem Verfahren abzuwenden, durch bisweilen heiteres Spiel mit dem Ernst der Thematik. Die Frage liegt auf der Hand: Ist Rechtsprechung am Ende auch bloß Theater? Nein!

„Das Gericht schafft geordnete Zukunft, in dem es mit der Vergangenheit aufräumt. Es macht sozusagen Schluss mit der Vergangenheit!“

„Verfahren“ verteidigt die Rechtsstaatlichkeit, die gerade immer häufiger angefeindet wird

„Verfahren“ entlastet die Justiz nicht von der Kritik, die es auch am NSU-Prozess von Anbeginn gegeben hat. Es verteidigt aber die Rechtsstaatlichkeit, in Zeiten, in denen diese immer häufiger angefeindet wird. Aber von der Hoffnung, dass ein Strafprozess gesellschaftlichen Frieden, vielleicht auch nur Gerechtigkeit schaffen kann, sollten wir uns mit diesem Theaterabend wohl endgültig verabschieden. Das wäre ein gesondertes Verfahren und nicht zuletzt ein gesamtgesellschaftlicher Prozess.

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