Bühne

Ein Straßenoratorium für Groß und Klein: Der „Nesenbach“ begeistert Stuttgart

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AUTOR/IN
Cordelia Marsch

Der 50-köpfige Stadtchor der Jungen Oper im Nord (JOiN) besingt ein vergessenes Flüsschen, den Nesenbach, der einst mitten durch Stuttgart verlief und heute weitgehend unterirdisch verläuft.

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Politische Botschaften und ein gelungenes Bühnenbild

Im Laufe des gut halbstündigen Straßenoratoriums, das von 50 Laien-Chorist*innen jeden Alters gesungen wird, erfahren wir, dass der Nesenbach mit Abfällen der Stuttgarter Färbereien, Gerbereien und Metzgereien ab dem 17. Jahrhundert stark verunreinigt wurde.

Darauf verweist auch das gelungene Bühnenbild, dessen zentrales Element blaue Giftmülltonnen sind. Die Komponistin Susanne Hinkelbein bringt in ihrem Werk nicht nur die Geschichte des Flüsschens zum Klingen, immer wieder tauchen auch politische Botschaften in ihrem Straßenoratorium auf.

So nimmt sie auch Bezug auf die ansässige Industrie, Bosch und Mercedes, und spielt auf die Bohrungen an, die im Rahmen von Stuttgart 21 in der Stadt stattfinden.

Nesenbach von Susanne Hinkelbein (Foto: Pressestelle, Matthias Bause)
Das Straßenoratorium nimmt Bezug auf die ansässige Industrie, Bosch und Mercedes, und spielt auf die Bohrungen an, die im Rahmen von Stuttgart 21 in der Stadt stattfinden. Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Die Schönfärberei: „Gift, Chemie und Lösungsmittel, Trichlorethylen. Das ließ man einfach in den Boden hinter’m Hause gehen.“ Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Die Komponistin Susanne Hinkelbein bringt in ihrem Werk nicht nur die Geschichte des Flüsschens zum Klingen, immer wieder tauchen auch politische Botschaften in ihrem Straßenoratorium auf. Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Den Kindern, die bei der Uraufführung zahlreich im Publikum vertreten sind, gefällt aber vor allem der unpolitische „Kanalrattenwalzer“. Carolin Bitzer Bild in Detailansicht öffnen
Das Straßenoratorium an einem Spielort: „Den Nesenbach lasst uns besingen…“ Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Im Laufe des gut halbstündigen Straßenoratoriums, das von 50 Laien-Choristinnen jeden Alters gesungen wird, erfahren wir, dass der Nesenbach mit Abfällen der Stuttgarter Färbereien, Gerbereien und Metzgereien ab dem 17. Jahrhundert stark verunreinigt wurde. Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Darauf verweist auch das gelungene Bühnenbild, dessen zentrales Element blaue Giftmülltonnen sind. Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende des Stücks singt der schöne Geist des Nesenbachs auf einer Giftmüll-Tonne sitzend von einer möglichen Zukunft des Gewässers: „I hab träumt, i dät unter’m blaue Himmel fließa, und manchmal bloß dät i bissle Dreck schlucka müssa. Und dät mer an mei Ufer sich a kleins bissle bucka, mer könnt durchs klare Wasser auf da Grund nagucke.“ Pressestelle Matthias Bause Bild in Detailansicht öffnen

Die Corona-Pandemie ließ das Projekt lange auf der Kippe stehen

Ob das aufwendig inszenierte Straßenoratorium aufgrund der Pandemie wirklich zur Aufführung kommen kann, war bis kurz vorher nicht klar. Die künstlerische Leiterin der Jungen Oper im Nord Elena Tzavara: „Wir hatten diesen dritten Juli als Uraufführungstermin schon vor Corona genannt, und dürfen das jetzt machen. Das ist wirklich ein kleines Wunder. Und dass die solange durchgehalten haben mit der virtuellen Probesituation, das war wirklich nicht einfach.“

Apropos Wunder: Auch Stuttgarts Wunderkind, der Philosoph Hegel, wird im Straßenoratorium Nesenbach besungen. Überhaupt wird Susanne Hinkelbein immer wieder philosophisch: zum Beispiel wenn sie Heraklits Panta Rhei, „alles fließt“, zitiert - oder den bekannten Satz: Man kann nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen.

Eine abwechslungsreiche und humorvolle Homage an den Nesenbach

Beim Publikum, das nach langer Zeit wieder eine Kulturveranstaltung erleben konnte, kam der Nesenbach ausgezeichnet an. Ein Besuch des Straßenoratoriums Nesenbach lohnt auf jeden Fall!

Es ist eine abwechslungsreiche und humorvolle Hommage an ein Flüsschen, das für viele Stuttgarter in Vergessenheit geraten ist. Ein Flüsschen, das sich allerdings, auch nachdem es unter die Erde verdammt wurde, nie unterkriegen ließ.

Das Straßenoratorium ist bis 10.7. entlang des Nesenbachs zu sehen

Das Straßenoratorium „Nesenbach“ ist noch bis Samstag, den 10.7.2021, jeden Abend in Stuttgart zu sehen. Für insgesamt acht Abende wandert es nämlich jedes Mal ein Stück weiter den Verlauf des Nesenbachs entlang und endet am Samstag dann am Neckar beim Mercedes-Benz-Museum. Alle Aufführungen sind kostenlos.

Gespräch Trotz Corona: Staatsoper Stuttgart plant spannende neue Spielzeit

„Wir fahren auf Sicht“, sagt Viktor Schoner, Stuttgarter Opernintendant in SWR2 am Morgen. Wirkliche Planungssicherheit gäbe es momentan nicht. „Zum Glück können wir sehr spezifisch arbeiten. Die große Regel ist Abstand, Abstand, Abstand. Und so haben wir jetzt die letzten Wochen sehr gut künstlerisch arbeiten können. Selbst der Chor hat singen können, weil wir sehr große Räume haben. Und wir haben uns tatsächlich präpariert für Premieren, die wir dann im Herbst zeigen wollen“, so Schoner. Man habe das Gefühl, dass man durchaus auch mit den Abstandsregeln arbeiten könne. „Wir müssen in der Zeit, in der wir leben, unsere Aufgabe wahrnehmen. Und die ist, glaube ich schon, mit Musik Theater und Singen Geschichten erzählen. Und das machen wir so wie es gerade geht“.  mehr...

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Cordelia Marsch