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Die Staatsoper Stuttgart startet die neue Spielzeit mit der Übernahme der legendären Berliner „Zauberflöte“-Inszenierung von Barrie Kosky. Der ließ 2012 die Sänger*innen in einer 20er-Jahre-Mixtur aus Kino, Revue und Cartoon agieren. In Stuttgart kommt der Gesang aus den Seitenlogen, auf der Bühne tanzen pantomimische Doubles. Für SWR Opernkritiker ist es „ein zwiespältiger Abend zwischen dem Glück, endlich wieder Oper erleben zu können und der Last einer vom Regelwerk bedrängten Kunst.“

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„Die Zauberflöte” an der Staatsoper Stuttgart

„Die Zauberflöte” an der Staatsoper Stuttgart (Foto: Pressestelle, Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund)
Michael Fernandez (Papageno), Martina Borroni (Pamina), Sebastian Petrascu (Monostatos) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Martina Borroni (Pamina), Sebastian Petrascu (Monostatos) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Lorenzo Soragni (Tamino), Michael Fernandez (Papageno) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Lorenzo Soragni (Tamino), Martina Borroni (Pamina) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Martina Borroni (Pamina), Sebastian Petrascu (Monostatos) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Michael Fernandez (Papageno) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Martin Tysko (Sarastro), Martina Borroni (Pamina) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen
Martina Borroni (Pamina), Lorenzo Soragni (Papageno) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund Bild in Detailansicht öffnen

Zauberflöte“ in die Stummfilmära versetzt

Die Idee ist hinreißend und bezaubernd: Regisseur Barrie Kosky und die englische Multimediatruppe „1927“ verlegten Mozarts Märchen- und Prüfungsoper „Die Zauberflöte“ in die Stummfilmära. Gespielt wird vor und in einer Projektionswand mit filmischen Animationen. Tamino landet gleich am Anfang im Magen der ihn verfolgenden, von den drei Damen erlegten Schlange.

„Die Zauberflöte” an der Staatsoper Stuttgart (Foto: Pressestelle, Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund)
Lorenzo Soragni (Tamino), Michael Fernandez (Papageno) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund

Das erinnert an die Scherenschnittfilme Lotte Reinigers oder an das tschechische Animationskino eines Karel Zeman. Hier wuchern überbordende Bildfantasien, mit und in denen die Protagonisten agieren. Ein Gesamtkunstwerk, das mehr ist als eine Filmoper. Die vier jungen, den Prüfungen unterzogenen Menschen geraten aus den 1920er Jahren in diese filmische Märchenwelt. Der notgeile Monostatos sieht aus wie Murnaus Stummfilmvampir „Nosferatu“.

„Die Zauberflöte” an der Staatsoper Stuttgart (Foto: Pressestelle, Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund)
Martina Borroni (Pamina), Sebastian Petrascu (Monostatos) Pressestelle Staatsoper Stuttgart / Martin Sigmund

Coronabedingte Kompromisse

Die Verbannung der Sänger ins Off ist der erste Kompromiss ans Virus. Der andere ist die ebenfalls den Abstandsregeln geschuldete Reduktion des Orchesters auf ein Drittel der vorgesehenen Besetzung mit zwölf Mitgliedern. Lediglich ein Streichquintett, solistische Holzbläser, ein einsames Horn und Schlagzeug. So kastriert hat man Mozarts meisterhafte Partitur noch nie gehört. Das wirkt wie die Aufführung einer Kurkapelle. Ein skeletierter Mozart als Covid-Patient mit flacher Atmung.

Ohne Hygieneauflagen wäre die Aufführung ein Triumph


Das ist umso bedauerlicher, weil unter der Leitung von Hossein Pishkar gut musiziert wird. Auch die vokale Seite begeistert: Josefin Feiler ist eine stimmschöne Pamina, Mingjie Lei als Tamino, der Papageno von Johannes Kammler und die furiose Spinnenkönigin der Nacht von Beate Ritter sind hervorragend.

Unter normalen Umständen wäre man mit der brillanten Inszenierung und dem musikalischen Zusammenspiel mehr als befriedigt worden. So bleibt es aber ein zwiespältiger Abend zwischen dem Glück, endlich wieder Oper erleben zu können und der Last einer vom Regelwerk bedrängten Kunst. Die Konzeption der Aufführung wäre ein Triumph, würden ihr die Bedingungen der Umsetzung nicht dazwischenkommen. Wem soll man daran aber die Schuld geben?

Oper „Die Zauberflöte“ als erste White-Wall-Oper am Nationaltheater Mannheim

orona bremst die Kultur ja nicht immer nur aus, manchmal entstehen aus der Not heraus auch ganz tolle Ideen: Die Opernsparte des Nationaltheaters Mannheim hatte sich überlegt, wie sie die Aufführungen corona-konform, also kürzer und unaufwendiger gestalten können. Damit zum Beispiel auch hinter den Kulissen weniger Menschen mit komplizierten Bühnenbildern hantieren müssen. Und dabei ist die Idee der „White Wall-Opern“ entstanden: eine große weiße Wand, in der Mitte teilbar, mit vielen Türen und Fenstern zum Öffnen, auf die dann Künstlerinnen und Künstler sehr unterschiedliche Bilder und Videos projizieren können. Morgen Abend (Di, 22.9.) wird dieses neue Bühnenbildkonzept erstmals zu erleben sein, bei der Premiere einer Neufassung von Mozarts „Zauberflöte“.  mehr...

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