Bühne

Spektakuläre Premiere – „hildensaga“ verpasst den Nibelungenfestspielen Worms ein feministisches Update

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AUTOR/IN
Mareike Gries

Das gab es in 800 Jahren Nibelungen-Epos nicht: Autor Ferdinand Schmalz lässt Kriemhild und Brünhild in seinem Stück „hildensaga. ein königinnendrama“ aus ihrer Opferrrolle emanzipieren und zeigt die Königinnen als machtvolles Frauenduo. Unter der Regie von Roger Vontobel stimmt jeder Blick, jede Geste, jedes Wort des beeindruckenden und hochkarätigen Ensembles – ein nahezu perfekter Theaterabend.

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Spektakuläres Bühnenbild

Nebelschwaden wabern über die dunkle Bühnenfläche. Sie hat keinen sichtbaren Fußboden. Wasser bedeckt die 20 Meter breite und 12 Meter tiefe Bühne.

Drei Saxofonistinnen waten hinein. Nach mehreren Minuten tauchen mitten im Becken Siegfried und Brünhild auf.

Die Gesichter des Ensembles in Nahaufnahme

Spektakulär geht es bei den Nibelungen-Festspielen eigentlich immer zu. Was die Bühne angeht, war es noch nie so spektakulär wie in diesem Jahr. Der dänische Bühnenbildner Palle Steen Christensen hat diese Wasser-Kulisse entworfen, in der das Ensemble schlittert, schreitet, schwimmt und taucht.

hildensaga, Nibelungenfestspiele 2022 (Foto: Pressestelle, David Baltzer)
Wasserspiele in Worms: Das Bühnenbild ist ein Erlebnis für sich. Pressestelle David Baltzer

Rechts und links stehen riesige Monitore, auf denen die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler in Großaufnahme zu sehen sind. Im Zentrum: Brünhild und Kriemhild.

Die Königinnen emanzipieren sich von ihrem Schicksal

Im historischen Original-Text geraten die beiden beim legendären Königinnen-Streit vor dem Wormser Dom aneinander. Autor Ferdinand Schmalz macht daraus eine Königinnen-Verschwesterung.

Gina Haller und Genija Rykova (Foto: Pressestelle, David Baltzer)
Kriemhild (links) und Brünhild dürfen im Stück von Ferdinand Schmalz ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Pressestelle David Baltzer

Die Hildensaga von Ferdinand Schmalz schreibt den berühmten Königinnen eine Rolle zu, die sie in 800 Jahren Nibelungenlied in der Form nie hatten: Sie emanzipieren sich und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Beeindruckende Hauptdarstellerinnen

Genija Rykova als Brünhild und Gina Haller als Kriemhild sind zwei der Höhepunkte der Inszenierung von Regisseur Roger Vontobel. Es lässt sich nur erahnen, welch ein Kraftakt die Proben für sie gewesen sein müssen. Vorab mussten sie sogar einen Tauchkurs absolvieren.

Bei der Premiere stimmt jeder Blick, jede Geste, jedes Wort. Die Hauptdarstellerinnen verleihen ihren Figuren so viel Tiefe, wie es bei solch einer opulenten Freilicht-Bühne nur selten gelingt.

hildensaga, Nibelungenfestspiele 2022 (Foto: Pressestelle, David Baltzer)
Bei dem hochkarätigen Wormser Ensemble sitzt jedes Wort, jeder Blick, jede Geste. Pressestelle David Baltzer

Das gesamte Ensemble ist eindrucksvoll. Darunter Lia von Blarer, bekannt aus der ARD-Serie „Eldorado KaDeWe“ und der Film-Schauspieler Werner Wölbern. Er spielt einen bedrückend despotischen Wotan.

Ein präzises und poetisches Drama

Immer wieder erinnert der Text auch an die Unbill unserer Zeit. Autor Ferdinand Schmalz hat das ungute Gefühl der Gegenwart einfließen lassen, ohne es deutlich zu benennen.

Sein Drama ist präzise und poetisch, modern und zeitlos – ein beeindruckend gutes Stück. Der Text, das hochkarätige Ensemble, die imposante Bühne – eine nahezu perfekte Mischung.

Wormser Hildensaga ist eindrucksvoll auf vielen Ebenen

Nur am Ende des dreieinhalbstündigen Theaterabends droht das Spektakuläre fast ins Spektakel zu kippen. Dann nämlich, als sich die gesamte Außenmauer des Doms per Videoprojektion in die Gottheit Angrboda verwandelt.

Mario Adorf – von Anfang an mit den Nibelungenfestspielen verbunden – leiht diesem Götterwesen Gesicht und Stimme. Die gigantische Adorf-Angrboda ist fast etwas zu viel des Guten.

Wobei „gut“ diesen Theaterabend nur unzureichend beschreibt. Die Wormser Hildensaga ist eindrucksvoll auf vielen Ebenen. Ein phantastischer Theaterabend.

Gespräch „Hildensaga“ von Ferdinand Schmalz bei den Nibelungenfestspielen Worms: Altdeutscher Feminismus

Drachentöten ist Männersache – diese Lesart der Nibelungensaga dominiert bis heute. Für den österreichischen Theaterautor Ferdinand Schmalz braucht diese Sichtweise dringend ein feministisches Update. Entsprechend hat Schmalz für sein Stück „Hildensaga: Ein Königinnendrama“, das bei den Nibelungenfestspielen Worms gezeigt wird, Kriemhild und Brünhild als Frauenduo an der Macht in dem Mittelpunkt gestellt. „Anders als in anderen mittelalterlichen Texten sind die Frauen hier handlungsentscheidend“, so Schmalz im Gespräch mit SWR2. „Kriemhild ist eigentlich die Hauptfigur“. In der Version von Ferdinand Schmalz verbinden sich die beiden Protagonistinnen gegen die patriarchalen Machtstrukturen am Hof.
Ferdinand Schmalz ist einer der erfolgreichsten Dramatiker Österreichs, 2017 gewann er mit „mein lieblingstier heißt winter“ den Ingeborg-Bachmann-Preis.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Theater Nibelungenfestpiele Worms: Bühne ist spektakulär, aber nicht umweltfreundlich

Höher, schneller, nasser – unter diesem Motto könnte das Bühnenbild für das Stück „hildensaga. ein königinnendrama“ bei den Nibelungenfestspielen 2022 zusammengefasst werden. Der Däne Palle Steen Christensen hat diese Kulisse entworfen – eine gigantische Wasserlandschaft, für die die Schauspieler teilweise sogar Tauchunterricht nehmen mussten. Das ist beeindruckend, aber in Zeiten knapper Ressourcen auch bedenklich. Den Veranstaltern ist das Problem bewusst. Sie versuchen, den Energiebedarf so gering wie möglich zu halten.  mehr...

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Mareike Gries