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Nach dem Wechsel von Martin Kusej an die Wiener Burg hat Andreas Beck die Nachfolge am Münchner Residenztheater angetreten. Zuvor hatte er das Theater Basel zu einer der spannendsten Bühnen im deutschsprachigen Raum gemacht, auch mit Uraufführungen der Stücke von Ewald Palmetshofer. Mit dessen neuem Werk „Die Verlorenen“ in der Regie von Nora Schlocker eröffnete Beck nun auch seine Münchner Intendanz.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

„Die Verlorenen“ am Residenztheater München

„Die Verlorenen“ am Residenztheater München  (Foto: Residenztheater München / Birgit Hupfeld)
„Hallo, ist da wer“, rufen sie in den leeren weißen Bühnenraum, diese Menschen, die da zunächst einen Chor bilden. Hallo, so als hofften sie auf eine Resonanz, die niemals kommen wird. Es ist, als würde dieser Wunsch nach einer Macht da draußen, die allem einen Sinn geben würde, die Figuren durch das ganze Stück begleiten. Kein Wunder, dass hoch über ihnen ein Kreuz hängt, ein hölzernes Kreuz am hölzernen Bolzen. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Am Schluss, wenn das Kreuz längst abgenommen ist, wird am hölzernen Bolzen ein Mensch hängen: aufgespießt, blutig, tot. In der Zeit dazwischen wird sich der Chor in das Personal von Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“ verwandeln – und damit in ein Kaleidoskop von Figuren, die als Verlierer und Verlorene ihren Platz in der Gesellschaft nie gefunden haben. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Dabei erzählt der Plot von jener Clara, die aus ihrer Gegenwart mit ungeliebter Arbeit, problematischem Sohn und Ex-Ehemann mit neuer Frau in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter flieht, ohne allerdings ihrem Leben entrinnen zu können. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Trotzdem passiert ihr die Liebe, zumindest für eine Nacht, die Liebe mit dem jungen Kevin, den sie zunächst aus dem verlassenen Haus scheucht, um dann doch mit ihm eine Nacht zu verbringen. Und wie alle anderen, so weist auch er sprachmächtig über den eigenen Horizont hinaus. Es ist, als habe Ewald Palmetshofer die Quintessenz seines neuen Stücks diesem Kevin in den Mund gelegt. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
In der Verrohung der Sprache macht Palmetshofer die Ursache für die Entmenschlichung der Welt aus, in ihrer permanenten Herabwürdigung des Mitmenschen Dass diese Verrohung längst auch die Figuren seines Stückes erreicht hat, macht Ewald Palmetshofer vor allem an dem Sohn der Hauptprotagonistin deutlich, der wegen eines Videos über die Misshandlung eines Mitschülers vom Unterricht suspendiert wird. Von da an eskaliert die Handlung und nimmt ihr furchtbares Ende. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen
Uraufführungsregisseurin Nora Schlocker wirft im Münchner Residenztheater Palmetshofers Figurenpanoptikum geschickt in ihren weißen leeren Bühnenraum, der nur in seiner schwarzen Umrandung schmale Streifen für Auf- und Abtritte zulässt. Das ermöglicht schnelle Orts und Figurenwechsel und so einen zügigen Handlungsfluss. Zugleich weiß ihr Ensemble Palmetshofers lyrisch rhythmisierte Sprache alltagstauglich klingen zu lassen, ohne dabei den fein im Text versteckten apokalyptischen Humor des Autors zu vergessen. Und so machen dieses starke Stück und ein Ensemble, in dem es für München einige Gesichter und Persönlichkeiten neu zu entdecken gilt, viel Lust auf mehr. Residenztheater München / Birgit Hupfeld Bild in Detailansicht öffnen

„Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer in der Regie von Nora Schlocker am Residenztheater München. Die nächsten Aufführungen am 26. Oktober, am 1., 2., 6. und 10. November 2019.

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