„Sieben Todsünden“ am Staatstheater Stuttgart Peaches schlägt Brecht k.o.

Von Bernd Künzig

Die „Sieben Todsünden“ waren 1933 Brechts erste Arbeit im französischen Exil. In der Stuttgarter Koproduktion von Oper, Ballett und Schauspiel mit Elektro-Clash-Sängerin Peaches wird daraus ein mit viel Gedröhn in Szene gesetzter Geschlechterkampf - ohne überzeugendes Ergebnis.

Brecht zeigte die Südstaaten - meinte aber Deutschland

Bertolt Brechts Amerikabild in den „Sieben Todsünden der Kleinbürger“ ist erfunden - wie in seinen Stücken „Dickicht der Städte“ oder „Mahagonny“. Gemeint war eigentlich das präfaschistische Deutschland der Weimarer Republik.

Nun kehrt dieses Amerikabild in Stuttgart auf die Bühne zurück. Denkt man an den amerikanischen Präsidenten Trump, der gerne den Repräsentanten der Kleinbürger gibt, könnte der Klassiker von Brecht und Weill aktuell sein.

asdfKnallhart choreographierter Geschlechterkampf

Diese Aktualität spielt bei der Regie von Anna-Sophie Mahler nun allerdings keine Rolle. Sie verlegt das Geschehen in eine Boxarena. Das Orchester ist an den drei Seiten verteilt.

Die Schauspielerin Josephine Köhler ist die weibliche Anna, der Choreograph Louis Stiens eine männliche. Annas Familie gibt die Kampfrichter. Und so kommt es zum knallhart choreographierten Geschlechterkampf.

Dauer

Auf die Dauer ist das redundant und greift als Metapher für die antikapitalistische Sozialmelancholie der „Todsünden“ auch zu kurz. Peaches begleitet stimmsicher, wenngleich etwas zu musicalhaft.

Zeigefinger-Theater und Peaches als One-Woman-Show

Wie das Orchester ist auch sie verstärkt und tönt zu laut aus den Lautsprechern. Und irgendwie rauschen der Brecht- und Weill-Teil des Abends vorbei.
Es folgt ein zeigefingerhaftes Metatheater, mit dem die Schauspielerin Josephine Köhler das gerade Abgespielte reflektiert.

Schluss mit dem Boxkampf - und die Arena entschwebt in den Schnürboden. Auftritt Peaches, auf die der Abend eigentlich fokussiert ist. Ab jetzt wird er zur Light-Show der Electro-Clash-Popikone aus Berlin. Sie ist der Star. Die übrigen: körperliches Ornament.

asdf„Fuck the pain away“

Es wird sprachlich vulgär und darstellerisch queer. Peaches singt ihren Hit „Fuck the pain away“. Provokation als politische Korrektheit fürs „MeToo“-Zeitalter. Eine akustisch hochgefahrene One-Woman-Show der sich selbstverwirklichenden Frau jenseits der reaktionären Geschlechterrollen, die Brecht und Weill in ihrem kritischen Szenario über die Ausbeutung der Kunst noch darboten.

Vertane Chance für Melinda Witham

Am Ende gibt es noch einen dürftig choreographierten Epilog vor Scheinwerferlicht für Melinda Witham. Für sie ist es ihre letzte Choreographie vor dem Ruhestand. Eine vertane Chance.

Dazu hat man Charles Ives „The unanswered question“ selten so lieblos gespielt gehört, unmagisch verstärkt aus den seitlichen Lautsprechern dröhnend. Der Schluss eines Frauenlebens, der ratlos entlässt.

Eine Kooperation ohne Harmonie der Einzelteile

Alles in allem, eine Kooperation der drei Sparten des Staatstheaters. Mehr aber auch nicht. Die drei Teile gehen nicht zusammen und so ist der Abend nichts Ganzes und nichts Halbes.

Opernliebhaber werden dabei genauso wenig befriedigt, wie die Anhänger des Schauspiels oder Balletts. Nur die Fans von Peaches kommen auf ihre Kosten, wenn auch zu kurz.

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