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Mittelalter-Musical „Die Päpstin“ in Lahnstein: Eine Frau greift nach der Macht

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AUTOR/IN
Sabine Mahr

Im Jahr 814 soll die Pfarrerstochter Johanna in Ingelheim am Rhein zur Welt gekommen sein. Um die kluge Frau, die in Männerkleidern den Papstthron besteigt und sogar ein Kind gebärt, ranken sich schon seit dem Mittelalter Legenden. Die Burgspiele Lahnstein zeigen das Musical „Die Päpstin“ nach dem Welterfolg von Romanautorin Donna Cross. Ein hochaktueller Stoff – angesichts der Missbrauchs-Skandale und der verkrusteten Strukturen in der katholischen Kirche.

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Aus Johanna wird Johannes

Als Karl der Große 814 n.Chr. stirbt, setzt ein Machtvakuum ein. Erbitterte Kämpfe um den Einfluss von Kaisern und Päpsten durchziehen dieses besonders dunkle Jahrhundert des Mittelalters.

Im selben Jahr 814 soll in Ingelheim am Rhein Johanna zur Welt gekommen sein. Ihr Vater: ein autoritärer Dorfpriester, der zwar dem Gelehrten Äskulapius seinen untalentierten Sohn Johannis in die Klosterschule mitgeben will, aber keinesfalls seine wissbegierige und kluge Tochter.

Aber Johanna kann heimlich mit in die Schola im niedersächischen Dorstadt fliehen und unter dem Schutz von zwei männlichen Mentoren die Gelehrtenbildung durchlaufen. Als ihr Bruder bei einem Raubüberfall der Normannen ums Leben kommt, schneidet sie sich kurzerhand die Haare ab, zieht seine Kutte über und wird zum Ordensbruder Johannes.

Seit dem Hochmittelalter treibt die Legende blüten

Bis Johanna in Rom zur Päpstin in Männerkleidern gekrönt wird, muss sie allerdings noch einen weiten Weg gehen, um Intrigen und Anfeindungen von außen, aber auch innere emotionale Hürden zu überwinden.

Eine Päpstin, die als Johannis Anglicus die Macht in Rom ergreift und sogar ein Kind gebärt, ist historisch nicht seriös belegt. Unstrittig ist aber: Seit dem Hochmittelalter treibt die Legende Blüten, zieht Schriftsteller von Boccaccio bis Brecht in den Bann, inspiriert zu Romanen, Filmen und eben Musicals.

Ein aktuelles Stück

Die Burgspiele Lahnstein haben sich dieses Jahr bewusst für „Die Päpstin“ als Open-Air-Inszenierung entschieden. Denn die Geschichte aus dem 9. Jahrhundert über weibliche Emanzipation und über Fehltritte klerikaler Autoritätspersonen ist erschreckend aktuell angesichts der Missbrauchsskandale und verkrusteten Strukturen in der katholischen Kirche.

Die Päpstin - Burgspiele Lahnstein (Foto: Pressestelle, Cosma Hahne, Theater Lahnstein)
Julia Steingaß spielt die Hauptrolle des Musicals. Pressestelle Cosma Hahne, Theater Lahnstein

Dass eine Frau nicht selbstbestimmt ihren Lebensweg wählen darf – diese rückständige Idee des patriarchalen Christentums ist auch 1200 Jahre später nicht aus den Köpfen verschwunden, sagt Hauptdarstellerin Julia Steingaß: „Wenn man mal den Blick nach Amerika schweifen lässt, wo der Supreme Court diese weitreichende Entscheidung getroffen hat, dass Frauen auch nach einer Vergewaltigung nicht abtreiben dürfen, das stellt einen eklatanten Eingriff in die Rechte der Frauen dar, und das ist eben genau die Thematik, gegen die Johanna sich auch zur Wehr setzt.“

Die Lahnsteiner Kirche wird zur Kulisse

Wie schon bei „Der Name der Rose“ oder „Der Glöckner von Notre Dame“ nutzt Regisseur Friedhelm Hahn das Seitenschiff der Lahnsteiner Johanniskirche als authentische mittelalterliche Kulisse.

Die Päpstin - Burgspiele Lahnstein (Foto: Pressestelle, Cosma Hahne, Theater Lahnstein)
Die Lahnsteiner Johanniskirche wird zum Teil der Kulisse. Pressestelle Cosma Hahne, Theater Lahnstein

Fackeln, ein Bretterpodest, leuchtende Samtvorhänge, ein schmaler hoher Papstthron – die Burgspiele verzichten auch dieses Mal auf eine bunte Lightshow, vertrauen stattdessen auf das malerische Ambiente lauwarmer Sommerabende unter Pappeln am Rheinufer. Ein Erfolgskonzept, das auch in diesem Jahr wieder mehrere Tausende Zuschauer nach Lahnstein locken wird.

Kommentar Rekord-Austrittszahlen: Die Katholische Kirche vor dem Abrutschen

Knapp 360.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten, so viele wie noch nie zuvor. Damit sind erstmals in Deutschland mehr Menschen nicht in einer Kirche als umgekehrt. Die Gründe für die Austritte sind nicht neu.  mehr...

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Gespräch Missbrauchsgutachten belastet Papst Benedikt – Weiterer Sargnagel für Katholische Kirche

Das Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum München zeige das Bild einer Kirche, die vor allem an ihrem Ruf nach außen und an der Macht klerikaler Männerbündnisse in ihrem Inneren interessiert sei, sagt Matthias Möhring-Hesse in SWR2, Professor für Theologische Ethik und Sozialethik an der Universität Tübingen. Der Inhalt des Gutachtens könne insofern nicht überraschen. Die Münchner Gutachter waren unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, dass allein der emeritierte Papst Benedikt XVI. als früherer Münchner Erzbischof in vier Fällen gegen Missbrauchstäter nicht vorgegangen war.
Die Folgen dieser Erkenntnisse für die Katholische Kirche ließen sich noch nicht absehen, sagt Matthias Möhring-Hesse. Aber aus dem Rückblick werde man eines Tages womöglich sagen müssen, dass das Gutachten „ein weiterer Sargnagel für die Kirche ist, für die Papst Benedikt steht, ein weiterer Schub für den Niedergang dieser Kirche.“
Das Selbstinteresse der Kirchenvertreter sei offensichtlich so groß gewesen, dass darüber Anstand und Recht verloren gegangen seien. Das Gutachten zeige sowohl die individuelle Schuld, die mit Kardinal Ratzinger, Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx gleich drei Münchner Bischöfe auf sich geladen hätten, zugleich aber auch das langjährige systematische Versagen darin, diese Schuld anzuerkennen.
Institutionellen Druck habe zugleich verursacht, dass Ratzinger später Papst geworden sei. „Umso mehr sollte und darf man schätzen“, so Möhring-Hesse, „dass sich Kardinal Marx diesem Druck auch widersetzt und dieses Gutachten in Auftrag gegeben hat, von dem er doch wusste, dass dabei Kardinal Ratzinger eben auch schlecht aussehen würde.“  mehr...

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Gespräch Synodalversammlung berät über Folgen des Münchner Missbrauchsgutachtens

Missbrauch in der katholischen Kirche zukünftig verhindern – das ist für die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, die wichtigste Frage, die auf der anstehenden Tagung in Frankfurt geklärt werden muss. „Ich setze darauf, das eine Mehrheit der deutschen Bischöfe erkannt hat, dass jetzt die Zeit des Handelns gekommen ist“, sagt Stetter-Karp bei SWR2. Dabei gelte es, Strukturen und alte Rollenbilder zu hinterfragen. Konkret liegt der Versammlung ein Text zur Neubewertung von Homosexualität vor. Stetter-Karp ist zuversichtlich, dass der Zustimmung erhalten wird. Bei diesen Fragen gebe es eine Möglichkeit, die Veränderungen national herzustellen – also zur Not auch ohne den Segen aus Rom.
Nach dem neuen Missbrauchsbericht der Erzdiözese München ist die Katholische Kirche in einer höchst kritischen Situation. Wohl auch, weil Joseph Ratzinger höchstpersönlich als ehemaliger Münchner Bischof zu Missbrauchsfällen geschwiegen hat und gerade als späterer Papst eben erheblichen Einfluss auf den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen hatte. Natürlich ist das auch eines der bestimmenden Themen auf der Synodalversammlung der Katholischen Kirche, die heute in Frankfurt beginnt und auf dem sogenannten „Synodalen Weg“ nun bereits zum dritten Mal über Reformen des kirchlichen Lebens berät.  mehr...

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Gespräch US-Supreme Court hebt landesweites Recht auf Abtreibung auf: „Trump hat geliefert“

Die Aufhebung des US-weiten Rechts auf Abtreibung durch den Supreme Court sei ein „Paukenschlag“, sagt die Politikwissenschaftlerin und Wahlforscherin Andrea Römmele in SWR2.  mehr...

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Sabine Mahr