Seniorentheatergruppe „Die Methusalems“ am Theater Freiburg „Ich weiß, was Du '68 getan hast“

Von Astrid Tauch

Die 68er als Bühnen-Kommune: Am Theater Freiburg erforscht die Freiburger Seniorentheatergruppe „Die Methusalems“ ihre Generation. „Ich weiß, was Du '68 getan hast“ heißt das Stück, in dem die Protagonisten kritisch ihre Vergangenheit reflektieren und in die Gegenwart schauen. Entwickelt wurde es von Regisseur Veit Balthasar Arlt, Mitbegründer des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal. Premiere feiert es im Rahmen des 68er-Schwerpunkts am Theater Freiburg.

"Ich weiß, was du '68 getan hast" am Theater Freiburg Die 68er in der Theater-Kommune

Szene aus "Ich weiß, was du '68 getan hast" (Foto: Pressestelle, Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019)
Eine fiktive Wohngemeinschaft. Im Hintergrund eine Küche, in der - natürlich - Frauen stehen und Äpfel schälen. Ein Mann betritt den Raum. Das ist Uli, der Reaktionär, ein ehemaliger Geschichtslehrer. Er gilt als gewaltbereit. Die einzige Figur im Stück, die erfunden ist. Reaktionär wollte keiner der 15 Methusalems sein.Im Bild: Harald Jeske, Hans-Dieter Helmeke, Renate Gimmi, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Barbara Motz und Gerburg Rüsing. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die Methusalems sind lieber feministisch, wie die 72jährige Mechthild. Sind lieber wie Herbert, der 68 in maoistischen Zirkeln verkehrte. Oder wie Harald, mit 84 der älteste der Truppe: Der ehemalige Jurist hatte mit 68 nichts am Hut. Außerparlamentarische Opposition kommt schließlich nicht im Grundgesetz vor, schimpft er auf der Bühne.Im Bild: Heide Cerny, Hennes Haller, Jochen Loh und Miejef Callens Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Eingefangen hat die Stimmen zu der Zeit der großen Utopien der Regisseur Veit Balthasar Arlt. „Wir beschreiben ein Sonderplenum, das sich im Jahr 68 zusammenfindet, verhandeln das Jahr 68 im Präsens“, erklärt Arlt. „Vom Raum her entwickelt sich eine surreale Welt, Küche, Wohnzimmer. In der Mitte wächst ein Apfelbaum, der abgeerntet wird.“Im Bild: Renate Gimmi, Jochen Loh, Miejef Callens, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Hennes Haller und Uli Winterhager. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Der Baum des Paradieses, vielleicht ein Symbol für die konkrete Utopie der 68er-Bewegung, die für viele ein Aufbruch war in eine neue Zeit, jenseits von Nationalsozialismus, Kapitalismus und rigider Sexualmoral. Im Bild: Hennes Haller, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Jochen Loh, Harald Jeske, Hans-Dieter Helmeke, Gerburg Rüsing, Renate Gimmi, Miejef Callens, Barbara Motz und Mechthild Blum. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Mechthild Blum (Mitte): „Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war die Springer-Demo in Frankfurt, bei der wir einen nächtlichen Überfall durch die Polizei erlebten, weil sie uns angeblich gesehen hatten, wie wir auf die Druckerei der Bildzeitung geschossen hätten. Ich war nur damit beschäftigt, ungewaschene Wäsche auf die blöde Flasche zu werfen, womit die anderen gekifft hatten. Ich dachte, wenn sie die sehen, sind wir dran wegen Drogen.“Im Bild: Mechthild Blum mit Hennes Haller und Barbara Motz Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Mechthild, die Feministin. Auf der Bühne bekommen die Männer ihr Fett weg: Wo sind die Frauen in der Geschichtsschreibung der 68er? Weshalb sind für Dutschke und Co. Frauenthemen nur „Nebenwidersprüche“ des Kapitalismus? Beredtes Schweigen der Männer.Hennes Haller, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Uli Winterhager, Renate Gimmi, Mechthild Blum, Harald Jeske und Gerburg Rüsing. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die unterschiedlichsten Erlebnisse werden erinnert und verhandelt: die Demo gegen die Fahrpreiserhöhungen in Freiburg, die mit Wasserwerfereinsätzen endete, Lehrer, die ihr faschistisches Gedankengut in die Klasse mitbrachten. Zeit und Raum vermischen sich.Im Bild: Herbert Pielmaier Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Eine 68er-Nostalgie kommt nicht auf, denn immer wieder geht es den Methusalems auch um Heute: die neue Rechte, Pegida, Lügenpresse, die Wohnungsnot, gegen die ein Mietshäusersyndikat und der neue Oberbürgermeister Martin Horn angehen müssten.Und was wird übrig bleiben von der Studentenbewegung?Im Bild: Hans-Dieter Helmeke, Herbert Pielmaier und Harald Jeske Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die Erinnerung wird zum Appell, zum Aufbruch in neue Utopien. „Man könnte doch mal wieder Mahnwachen organisieren. Zum Beispiel vor Rüstungsbetrieben. Einen gibt es auch in Freiburg, LITEF. Die produzieren Steuerungssysteme für Kampfflugzeuge. Es wäre doch spannend, sich einmal von der Polizei wegtragen zu lassen!“, sagt der 84jährige Harald.Im Bild: Gerburg Rüsing, Barbara Motz, Ricarda d’Heureuse-Harosky, Heide Cerny und Mechthild Blum. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Das ist keine reine Bühnenfiktion: Vor der Inszenierung sind die Methusalems noch einmal eingetaucht in die ganz reale Welt einer kleinen außerparlamentarischen Opposition. Regisseur Veit Balthasar Arlt: „Wir haben verschiedene Ausflüge, Exkursionen gemacht, Videos gedreht. Eine dieser Reisen war die Teilnahme an einer Demo gegen die AfD, wo wir mit den Methusalems gemeinsam im Regen standen und Politik betrieben haben“.Im Bild: Hans-Dieter Helmeke, Miejef Callens und Hennes Haller Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Rainer Muranyi / 2019 Bild in Detailansicht öffnen
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