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Ein Briefroman im Messenger-Zeitalter: Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ passt auch ins Heute, wo man nicht mehr tagelang auf einen Brief, sondern stundenlang in Qualen auf eine SMS wartet. Die junge Regisseurin Jacqueline Reddington inszeniert den „Werther“ jetzt am Nationaltheater Mannheim als multimediales Ein-Personen-Stück.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Ob man überbordende Gefühle mit Gänsefederkiel auf Papier zu bringen versucht, oder in ein Smartphone tippt, ist eigentlich egal. Nur das Abschicken geht heute schneller und eine Antwort könnte theoretisch schon in der nächsten Sekunde kommen. Tut sie aber nicht.

Naja, Lotte ist eben sehr beschäftigt. So fängt Werther eben ohne sie an, ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen: die berühmten Szene, als Werther Lotte das erste Mal sieht im Kleid mit blassrosa Schleifchen, wie sie ihren Geschwistern Brot abschneidet. Doch schon bevor Werther Lotte das erste Mal sah, wurde ihm erzählt, dass sie einem anderen versprochen ist - Albert.

Die Leiden des jungen Werther am Nationaltheater Mannheim (Foto: Christian Kleiner)
Christian Kleiner

Werther - ein sympathischer Typ mit Liebeskummer

László Branko Breiding spielt Werther als sympathischen, unsicheren Typ. Er knibbelt an den Fingernägeln, stiert mit Dackelblick ins Leere, streckt die Arme linkisch in die Luft – versucht die große Geste. Wenn dieser Werther den Originaltext von Goethe spricht, wirkt er wie entrückt – und trotzdem nicht lächerlich.

Obwohl diese Worte nicht recht zu dem jungen Mann passen wollen, spürt man doch: die Intensität der Gefühle ist echt. László Branko Breiding wechselt virtuos von einer Sprache und Sprechhaltung in die andere und schafft es, dass das Publikum mit ihm leidet, wenn Lotte eine Ewigkeit nicht auf seine Textnachrichten antwortet.

Die Leiden des jungen Werther am Nationaltheater Mannheim (Foto: Christian Kleiner)
Christian Kleiner

Werther braucht Abstand: Auf der Bühne steht ein großer Stapel Umzugskisten, die er nach und nach auspackt – aber darin sind lauter Erinnerungsstücke an Lotte. Werther versucht es mit Ablenkung: er zeichnet, liest, schreibt und macht auch ein bisschen Videokunst. Hat zum Beispiel einen Rundgang durch Lottes Wohnung gefilmt. Da wird klar, dass Werther gar nicht wirklich von Lotte loskommen will, dass er einen Tick zu weit geht mit seinen Besitzansprüchen und sich im Grunde gerne in seinem Schmerz suhlt.

Zu wenig Experimente

Die Idee „Die Leiden des jungen Werther“ als Solo zu spielen, ist nicht neu und leuchtet ein. Es geht schließlich um Werthers narzisstische Kränkung. Auch in Goethes Briefroman wird die Geschichte nur aus Werthers Sicht erzählt.

Doch man hätte sich für dieses neue Solo mehr Experimentierfreude gewünscht. Gerade von einer jungen Regisseurin wie Jacqueline Reddington. Zum Beispiel hätte man gerne von dem angekündigten „multimedialen Bühnenraum“ mehr gesehen als die paar kleinen Filmchen.

Die Leiden des jungen Werther am Nationaltheater Mannheim (Foto: Christian Kleiner)
Christian Kleiner

Selbstmord als Höhepunkt der Selbstinszenierung

Zum Schluss hin geht dann alles etwas zu schnell: Gerade erst hat man bei Werther einen Anflug von Wut und Verzweiflung bemerkt, da streift er sich schon Engelsflügel über, greift in die Kiste und PENG! Die ahnungsvollen, bittenden Textnachrichten von Lotte nimmt er in seiner Todessehnsucht gar nicht mehr wahr – sie verhallen ungelesen.

So wirklich tot scheint Werther aber nicht, vielleicht war es nur ein Warnschuss in Richtung Lotte und der Höhepunkt der Selbstinszenierung als Leidender. Auf jeden Fall rappelt er sich wieder auf und geht „Danke“ murmelnd von der Bühne.

Schade, man hätte László Branko Breiding gerne noch etwas länger zugeschaut!
Eine Theater-Miniatur, die leider ein bisschen zu mini ausgefallen ist.

Die Leiden des jungen Werther, von Johann Wolfgang von Goethe. Nationaltheater Mannheim, nächste Vorstellung am 19. Februar 2020.

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