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Einen konzentrierten und kommunikativen Theaterabend mit Elias Canettis „die Befristeten“ hat SWR2 Theaterkritiker Stefan Keim erlebt. Die Inszenierung des Intendanten Johan Simons ist die erste Bochumer Premiere nach Corona.

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Willkommen in einer schönen anderen Welt

50 Menschen dürfen pro Vorstellung ins Bochumer Schauspielhaus. Sonst bietet es 800 Plätze, nun sind die meisten Sitze und ganze Reihen ausgebaut. Während des Einlasses bewegt sich die Bühne. Der Boden fährt rauf und runter, bildet Treppen, wird wieder zu einer glatten Ebene. Die Scheinwerfer tauchen die Szenerie in eine kalte Lightshow.

Die Befristeten (Foto: Birgit Hupfeld)
Im Bild: Dominik Dos-Reis, Elsie de Brauw, Gina Haller, Risto Kübar, Marius Huth und Jing Xiang (v. li.) Birgit Hupfeld

Der Beginn von Johan Simons‘ Inszenierung wirkt wie ein Schöpfungsakt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler kommen durch die Seitentüren in den Saal. Natürlich mit ausreichendem Abstand, aber doch in einem Raum mit dem Publikum.

„Wir sind dankbar. – Wofür seid ihr dankbar? – Wir haben keine Angst. – Warum habt ihr keine Angst? – Wir haben keine Angst, denn wir wissen, was uns bevorsteht…“

„Die Befristeten“ von Elias Canetti

Leben mit Ablaufdatum

Elias Canetti entwirft in seinem Stück „Die Befristeten“ eine Gesellschaft, in der jeder weiß, wann der Tod kommt. Die Menschen heißen 98 oder 46, die Zahl benennt das Alter, das sie erreichen werden. Canetti schrieb das Stück Anfang der fünfziger Jahre, kurz nach dem Holocaust und als Reaktion auf den Tod seiner Geliebten.

Es ist ein philosophisches Gedankenexperiment. Heute taugt es als Parabel auf die Zeit der Pandemie, in der auch eine große Unsicherheit herrschte und zum Teil noch herrscht, wie gefährlich das Virus werden könnte. Die „Befristeten“ können sich überhaupt nicht vorstellen, wie jemand leben kann, der nicht weiß, wie viel Zeit er noch hat.

Die Befristeten (Foto: Birgit Hupfeld)
Im Bild: Jing Xiang und Stefan Hunstein Birgit Hupfeld

Tod abwarten oder rebellieren?

Doch die Menschen wirken erstarrt. Ein Kind mit dem Namen 10 liegt nur faul herum und lernt nichts. Warum auch? Es hat keine Zukunft. Und ein Mann namens 46 bezweifelt, dass sich bei seiner Lebenserwartung überhaupt eine Frau für ihn interessiert.

Einer mit dem Namen 50 bringt das System ins Wanken. Denn er hat keine Lust zu sterben und tut es einfach nicht. Stefan Hunstein spielt ihn nicht als kraftvollen Revolutionär, sondern als sanften Zweifler, der sich immer wieder selbst in Frage stellt. Eben dadurch wirkt 50 glaubwürdig, und immer mehr teilen seine Skepsis. Am Ende stehen Menschen auf der Bühne, die sich befreit haben. Aber sie wissen noch nicht, was sie mit der Freiheit anfangen sollen.

Die Befristeten (Foto: Birgit Hupfeld)
Im Bild: Stefan Hunstein und Risto Kübar Birgit Hupfeld

Realität blitzt durch

Es gibt Streit, eine dunkelhäutige Frau wird getötet. Ihr Mörder kniet auf ihrem Hals wie der amerikanische Polizist auf George Floyd. Nur in dieser Szene berühren sich zwei aus dem Ensemble. Sie dürfen das, weil sie zusammenleben. Das Bild kommt überraschend und wirkt schockierend, auch weil man es nicht sofort einordnen kann.

Die Befristeten Mercy Dorcas Otieno © Birgit HupfeldGepostet von Schauspielhaus Bochum am Mittwoch, 10. Juni 2020

Johan Simons stellt sich mit seiner Inszenierung dem Tagesgeschehen, bleibt offen und assoziativ, fordert das Publikum zum eigenen Denken und Fühlen auf. Das ist manchmal anstrengend. Das Bochumer Ensemble verlangt viel vom Publikum. Aber es gibt noch mehr.

Theater als Gemeinschaftserlebnis

An diesem ebenso konzentrierten wie kommunikativen Abend entsteht Theater als Gemeinschaftserlebnis neu. Im gemeinsamen Nachdenken kommt man sich nah, auch wenn körperlich die Abstandsregeln gewahrt bleiben.

Die nächsten Aufführungen von „Die Befristeten“ finden am 13.,14., 20. und 21. Juni statt. Sie sind bereits ausverkauft.

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