Bühne

„Der Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen: Ein Ring, der nie gelungen

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Mit Spannung erwartet, aber von Fallstricken begleitet: So könnte man die Neuproduktion von Richard Wagners Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen charakterisieren. Regisseur Valentin Schwarz wagte die Erzählung einer ganz neuen Familiengeschichte im Fernsehserienformat, die erheblich von Wagners Weltendrama abweicht. Und Cornelius Meister musste am Dirigentenpult für den an Corona erkrankten Pietari Inkinen kurzfristig einspringen.

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Zahlreiche Buhrufe beim Schlussapplaus

Ein Buh-Orkan bläst dem Regieteam beim Schlussapplaus der „Götterdämmerung“ entgegen. Unerbittlich setzt Regisseur Valentin Schwarz mit seiner Inszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen seine Familiengeschichte über geraubte, herumgeschubste und gedemütigte Kinder fort.

Der von Siegfried am Vortag schon zu Gunsten Brünnhildes abgewiesene und damit zutiefst gekränkte Hagen vollzieht wie zu erwarten an ihm seine Rache und ermordet den ehebrüchigen Kraftprotz im trockengelegten Swimmingpool vom Anfang des „Rheingold“.

Ein Regisseur mit Unvermögen

Um den symbolträchtigen Ring der Macht geht es ohnehin nicht, da sich Hagen ja als dieses von Alberich im „Rheingold“ geraubte Gold in Gestalt eines zukunftssichernden Kindes erwiesen hat. Brünnhilde und Siegfried haben mittlerweile auch ein Mädchen gezeugt, einen zweiten Ring sozusagen, das am Ende einfach tot umfällt.

An der Leiche des Gatten überkommt Brünnhilde die Wehmut. Sie singt ihren Schlussmonolog und legt sich neben ihn. Das war’s. Der Weltenbrand fällt aus und nur noch die Videoprojektion zweier eng umschlungener Embryos ist zu sehen. Womit wir wieder bei Valentin Schwarz‘ Anfang wären. Mehr ist dem Regisseur mit solchem Unvermögen nicht eingefallen.       

 Kein Musiktheater, sondern eine Schmonzette mit musikalischem Begleitwerk

Das Problem mit dieser Wagners Tetralogie übergestülpten Geschichte ist auch am Ende ihre konsequente Sinnlosigkeit und die mit penetrantem Realismus einhergehende Banalisierung des Erklingenden.

Es knirscht gewaltig im Gebälk mit dem völlig anders gelagerten Text des Librettos. Die undeutliche Textartikulation der meisten Sängerinnen und Sänger kommt der Regie entgegen. Besser man versteht nicht, was eigentlich gesungen werden soll.

Bedenklich ist, wie Valentin Schwarz mit der sturen Umsetzung seines von ihm erfundenen verqueren Familienromans ignoriert, was Musiktheater sein soll: nämlich Theater aus Musik. Der Regisseur degradiert Letztere zu akustischem Begleitwerk. Und das macht es um so unverständlicher, was uns an dieser Familienschmonzette eigentlich interessieren soll.

Man wird der Protzvilla überdrüssig

Das Schlimmste: im Grunde ist sie langweilig. Und das ist auch die über 16 Stunden immer gleiche geschmacklose Ausstattung der Protzvilla Wotans von Bühnenbildner Andrea Cozzi als alleinigem Schauplatz des Vierteilers. Irgendwann wird man der zahllosen Sitzlandschaften und dem wiederholt putzenden Hauspersonal überdrüssig.

 Auch musikalisch fällt die Bilanz zwiespältig aus. Wirklich tolle, herausragende sängerische Leistungen gab es nur wenige. In der „Götterdämmerung“ ragt eigentlich nur der wohltönende, starke Bariton von Michael Kupfer-Radecki als Gunther aus dem Mittelmaß heraus.

Fazit: Ein Ring, der nie gelungen

Der für den erkrankten Stephen Gould als Siegfried eingesprungene Clay Hilley macht mit hellem Tenor seine Sache gut. Nicht ertragbar ist schon wie in der „Walküre“ das Dauervibrato der Brünnhilde von Iréne Theorin. Der darstellerisch wie stimmlich blasse Albert Dohmen hat seine besten Tage gesehen und ist als finsteres Epizentrum Hagen eine glatte Fehlbesetzung.

Der für den erkrankten Pietari Inkinen kurzfristig eingesprungene Dirigent Cornelius Meister bewältigt die Partitur der „Götterdämmerung“ am besten. Dass hier die Dynamik und die klanglichen Nuancen endlich stimmen, mag auch an der anderen Orchesterbesetzung gegenüber „Rheingold“ und „Siegfried“ liegen. Allerdings fallen auch wieder die extremen Tempoverschleppungen und die darauffolgende Aufholjagd auf.   

Fazit dieser neuen Produktion von „Der Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen: Der Ring, der nie gelungen. Ein Kalauer aus Richard Wagners eigener Zeit. 

Gespräch Bayreuth zunehmend umstritten: „Siegfried ist unlogisch und egozentrisch inszeniert!“

Nach den vorherigen Teilen des „Rings“ hatte es sich abgezeichnet: Die neue Siegfried-Inszenierung spaltet die Gemüter und auch SWR2 Opernexperte Bernd Künzig spart nicht mit Kritik: „Das ist ein absoluter Tiefstand! Und schlimm ist: Die Inszenierung ist vor allen Dingen hochgradig unmusikalisch. Wagners Leitmotivik wird in vielen Teilen nicht inszeniert.“ Die Sänger würden in eine typische „Wagnerbrüllerei“ abgleiten und lediglich die Brynhilde, verkörpert von Daniela Köhler bilde eine schöne Ausnahme mit einer sehr schönen, geschmeidigen Stimme.
Egozentrischer Regisseur
Dem Regisseur Valentin Schwarz wirft Künzig eine unlogische Vorgehensweise bei der Inszenierung vor: „Die stumme Rolle des Rings entpuppt sich als der junge Hagen. Das weiß ich, weil ich ins Programmheft geschaut habe. Hagen muss den Siegfried nun aber nicht erschlagen um an den Ring zu kommen, weil er ja selbst der Ring ist. Und das ist alles ein bisschen unlogisch, unsinnig und etwas egozentrisch. Zu dieser Egozentrik passt auch, dass im Programmbuch ein Foto vom 14-jährigen Valentin Schwarz abgedruckt ist, wie er mit Kopfhörern und Partitur das Rheingold durchhört.“
Cornelius Meister habe sich während der Inszenierung zunehmend in Details verloren. „Der erste Akt ist ein bisschen pauschal, dann sind die Tempi teilweise schon sehr langsam mit unglaublichen Ritardandi, dann muss er wieder anziehen.“ Das könne auch an der Kürze der Zeit gelegen haben, die Meister für sein spontanes Einspringen hatte. Es klappere zwischen Sängerinnen und Sängern und Orchester gerade im zweiten Akt schon sehr gewaltig. Ansonsten mache er seine Sache als Einspringer sehr gut. „Das Problem bei der gesamten Ring-Aufführung ist, dass sie in zunehmenden Maß keinen Sinn macht“, so Künzig. „Und ich fürchte dass sich das auch in der Götterdämmerung nicht schließen lassen wird.“  mehr...

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Bernd Künzig